F41.0G

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Es kommt meistens ohne Vorwarnung. Manchmal ist da vorher noch ein Druck, aber immer nur auf dem linken Ohr, ein Fiepen, das vage Gefühl, dass etwas nicht stimmt (als würde es das je), es ist dein Kopf der dir sagt: „Dein Körper fühlt sich gerade nicht besonders gut, achte mal kurz auf dich, dein Kreislauf ist ziemlich runter, kann das sein? Und dein Herz schlägt recht schnell, deine Atmung ist flach, muss das so?“

Es ist eine kleine Unachtsamkeit oder eher: eine Achtsamkeit zu viel, eine falsche Ausfahrt, die dein Gehirn nimmt und schon ist es passiert: Du bist verloren; verloren und gefangen in deiner Über-Aufmerksamkeit und Hypersensibilität dir selber gegenüber und plötzlich fühlt sich alles falsch, alles ungesund, alles gefährlich an. Lebensgefährlich.

Es ist ein stolperndes, rasendes Herz, das gewaltsam und bedrohlich gegen deine Rippen hämmert, es ist hyperventilieren und keine Luft mehr bekommen, es ist eine sich ausbreitende Enge in der Brust, es ist das Gefühl einer drohenden Ohnmacht, es stürzt wie eine Lawine auf dich ein, es fühlt sich an wie Krieg, wie Sterben, schmerzhaft, furchteinflößend und einsam, denn wen ruft man an, nachts um 2, wenn alle Welt friedlich schläft? Wen ruft man an, wenn man im Bett liegt und denkt, „Herzinfarkt!“, wenn man gleichzeitig aber auch weiß, dass alles nur Spuk ist, nur Scharade. „Sterben“ ist heute nur ein Stück, das dein Kopf gerade eindringlich inszeniert und dein Körper ist ein hochmotivierter Schauspieler, ein Method Actor, einer der besten seiner Zunft: Hier wird alles gefühlt, alles gelebt, alles gespürt als wäre es echt. And the Oscar goes to…

Es ist letztlich niemanden anrufen, sondern aufstehen und sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen, es ist etwas trinken, die Wärmflasche auffüllen und wieder zurück ins Bett kriechen, sich in zwei Decken hüllen und trotzdem frieren und zittern, es ist vom Seiten- zum Rückenschläfer werden, um besser atmen zu können, es ist den Laptop einschalten und Twitter volljammern, es ist irgendwas auf Netflix gucken und es ist oft auch noch mal die Symptome googlen und prüfen: Herzrasen, Atemnot, Schüttelfrost, Ohnmachtsgefühl, Kontrollverlust, Todesangst. Check, check, check, check, check, check.

Es ist die kaum halbstündige Bahnfahrt bis zu den Eltern nur unter Tränen schaffen, es sind 1, 2, 3 Züge, in die man nicht einsteigt, obwohl man es sich vorgenommen hat, es ist 1, 2, 3 mal am Bahnhof stehen und 8 Euro für ein Taxi nach Hause zahlen, weil man sich nicht in der Lage fühlt, 5 Minuten in einer vollen U-Bahn zu verbringen, es ist in einem Zug von Bochum nach Mülheim sitzen, um ein Konzert zu besuchen und es ist in Essen wieder aussteigen und umdrehen, weil es einfach nicht geht, weil das Gehirn schon wieder falsch abgebogen ist: Endstation Fluchtinstinkt. Rausrausrausrausrausrausraus.

Es ist eine ermutigende Hand auf deinem Knie und ein dir zugeflüstertes „Wird schon“, während du im Kino sitzt und deinen Herzschlag im Hals spürst, während das Blut in deinen Ohren rauscht, während alles an dir vorbeizieht, es ist noch während der Trailerschau aufstehen und gehen wollen und am Ende doch sitzen bleiben, es ist keine Szene machen, es ist 90 Minuten lang so gut wie nichts von dem Film mitbekommen, in einem Raum voller Menschen sitzen und sich allein fühlen, zwei Finger an die Halsschlagader gepresst, konzentriert auf den eigenen Puls. (Zu schnell, zu schnell, zu schnell. Fuck.) Es ist das alles aussitzen, anschließend erschöpft wie nach einem Marathon sein und zu Hause noch Stunden brauchen, um ansatzweise zur Ruhe zu kommen.

Es ist der blinde Passagier, der dich auf jede Reise begleitet, der sich ein Zimmer mit dir teilt in Husum, Berlin, Hamburg und Augsburg, es ist die ungewollte +1, die sich mit dir auf jedes Konzert mogelt, auf jeden Poetry Slam, auf jede Lesung und jede Internet-Konferenz, es ist der Zwang, beim Betreten eines Raumes zuerst alle Türen und Wege nach draußen zu sondieren, es ist ein Abscannen der Leute um dich herum, ein ständiges Einschätzen, Abwägen und Bewerten: „Würden die mir wohl helfen, wenn ich hier zusammenbreche?“ Und es ist noch viel dümmere Sachen denken wie: „Sollte ich mein Handy und mein Portemonnaie vielleicht lieber an eine weniger leicht zugängliche Stelle packen, damit man mich im Falle einer Ohnmacht nicht beklaut?“

Es ist bei den Eltern am Küchentisch sitzen und erzählen, was man gerade alles nicht kann, was einem gerade alles schwerfällt, es ist ein tröstend gemeintes „Mach dir doch nicht so einen Stress, Schatz“, das den letzten Rest Stärke, den du dir bis zu diesem Punkt noch aufrecht erhalten konntest, zum Einsturz bringt und dich bittere Tränen weinen lässt, denn du würdest dir ja gerne weniger Stress machen, du würdest ja gerne nachts ohne Probleme schlafen und tagsüber ohne Probleme zur Arbeit fahren, du hättest ja gerne einen normalen Herzschlag und einen normalen Puls und überhaupt wärst du gerne ein bisschen normaler, ein bisschen mehr so, wie alle anderen sind oder zu sein scheinen.

Es ist sich schämen für die eigene Unzulänglichkeit, die scheinbar einfachsten Dinge zu tun, es ist sich sich wie eine  Zumutung und eine Bürde für diejenigen zu fühlen, die Zeit mit dir verbringen, es ist Selbstmitleid, es ist heulen und  schluchzen und es ist „Ich hasse es, dass ich so bin“, manchmal jedenfalls.

Es ist gute und schlechte Tage haben und sich stets daran erinnern müssen, sich von den schlechten Tagen nicht unterkriegen zu lassen, weil oft schon ein schlechter Tag genügt, um 100 gute Tage komplett auszuradieren. Es ist auch heute noch einen kleinen Blister Trimipramin bei sich tragen, jeden Tag, auch wenn die letzte Einnahme schon 15 Monate zurückliegt.

Es ist F41.0G.

Angst.

 

5 Gedanken zu “F41.0G

  1. Jana says:

    Find ich toll, dass du einen Text, voll gepackt mit deinen Unzulänglichkeiten veröffentlicht. Viele schreiben über sich selbst, aber die wenigsten schaffen es, den Text auch zu veröffentlichen. Ich hoffe, das Schreiben hat dir ein bisschen geholfen. :)

  2. Rebecca says:

    Der Vergleich mit einem Theaterstueck und man ist so ein guter Schauspieler das man es sich selbst abkauft-meeeeega!!!
    Ich weiß wovon du sprichst und selten so gut darueber gelesen und sich verstanden gefühlt und danach gewusst das einem der Text gerade ein Stück weitergeholfen hat!
    Toll!!

    1. jottpunkt says:

      Und ich möchte andersrum zurückgeben, dass mir genau solche Kommentare auch ein Stück weiterhelfen. Zu wissen, dass es Menschen gibt, die das nachvollziehen können (obwohl ich es niemandem wünsche), ist immens wertvoll. Also: Vielen lieben Dank.

  3. queen of maybe says:

    Wirklich gut. Wichtig: Nicht fertig machen deswegen. Erkennen und Namengeben an sich sind ja schon riesige Schritte; und dass der Wiedererkennungseffekt auch auf Dauer irgendwann heilend wirken kann – davon bin ich fest überzeugt. Auch, wenn es sich sicher erst mal nicht so anfühlt.

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