„J. existiert nicht.“

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Ganz so schlecht, wie auf dem Beitragsbild behauptet wird, steht es nicht um mich: Ich existiere – und mehr als das – ich lebe noch. Das ist sehr schön. Dass hier seit Januar nichts weiter passiert ist, ist hingegen sehr unschön.

Ich habe gestern einen Vortrag von Prof. Dr. Gunter Dueck gesehen (beziehungsweise gehört) und auch wenn dieser rein gar nichts mit dem Schreiben zu tun hatte, so ist doch ein Satz gefallen, der mir im Kopf geblieben ist: „Müssen ist einfacher als Wollen.“

Und ich musste direkt an den Blog denken.

Ich muss hier nichts reinschreiben. Ich wünschte, ich wäre eine dieser Personen, für die das Schreiben wie ein Zwang ist, die ohne nicht können, die sich die Seele aus dem Leib und das Herz aufs Papier schreiben müssen, um nicht unterzugehen in der Welt und in sich selbst – aber, und das habe ich in den letzten 9 Monaten gemerkt: Ich bin das scheinbar nicht. Ich bin so eben nicht. Das ist an sich eine etwas unerfreuliche Erkenntnis, weil das natürlich unheimlich schön und poetisch klingt, wenn man von sich behaupten kann: „Schreiben ist mein Leben. Das ist das, was ich bin. Ich kann nicht ohne.“ Man kann aber oft mit mehr „ohne“, als man denkt.

Weil ich also nicht Schreiben muss, weil mir der tiefergehende Impuls gerade fehlt, der mich dazu drängt, bleibt es hier eben leise und mehr noch als das: Stumm. Das Müssen fehlt. Und das Wollen? Das Wollen ist nicht stark genug. Es ist eher ein zögerliches Möchten oder ein schüchternes Ich-würde-ja-schon-gerne-mal-wieder. Irgendwann. Nur eben nicht jetzt. Und vermutlich auch noch nicht morgen.

Ich bin vielleicht ganz okay darin, im Schreiben. Mag sein, dass ich ein bisschen Talent habe, an dem man arbeiten könnte, dass da Potential (brach) liegt, dass da etwas ist, das wachsen könnte. Aber: Ist es mir ein inneres Bedürfnis, wirklich? Ist es eine unbedingte Leidenschaft, die zwingt, die treibt, die drückt, die raus will? Offenbar nicht, denn ich lebe noch, ich atme noch, ich habe die paar Glücksmomente und die vielen kleinen und größeren Krisen auch weggesteckt (zumindest so, dass es weitergeht und weiter geht es immer), ohne, dass ich das Internet in ausufernder Form daran habe teilhaben lassen. (Twitter und Instagram zähle ich an dieser Stelle nicht.)

Die Gründe dafür, dass ich das Schreiben habe sein lassen, sind dabei zahlreich:

Zum einen bin ich mir meines ewigen Gejammers selbst zunehmend überdrüssig geworden. Es sind doch immer die gleichen Geschichten, es ist immer das gleiche Weinen aus den gleichen dummen Gründen, es sind immer die gleichen Enttäuschungen, die mich aus der Bahn werfen und immer die gleichen Gedanken, die ich danach wälze. Müsste ich es nicht langsam besser wissen, anstatt jedes Mal wieder in diese emotionale Scheiße zu treten und dann lang und breit darüber zu sinnieren? Mich macht(e) das – in diesem Jahr noch mehr als in den Jahren davor – unglaublich müde.

Neben den sich stetig wiederholenden Geschichten auf der einen Seite, gibt es auf der anderen Seite dann auch noch die Geschichten, für die ich einfach keine Worte finde, auch jetzt nicht, die mich schlichtweg sprachlos machen – was soll man auch tun, sagen oder schreiben, wenn ein Mensch plötzlich weg ist, für immer? Was macht man dann? Gibt es da einen Leitfaden, den ich noch nicht kenne?

Zuletzt ist da dann auch noch immer die Sache mit den (RL-)Lesern. Die vermeintliche Diskrepanz zwischen meinem Online- und Offline-Ich. Und dieser vermeintliche Zwang, sich dafür erklären und sich rechtfertigen zu müssen – auch das macht mich müde, weil es die Sache anstrengender gestaltet, als sie sein müsste, weil es doch gehen sollte, das so etwas Schlichtes wie ein Blog einfach da ist, einfach existieren kann, ohne, dass das seltsam auf einen zurückfällt, weil andere Leute mit den Inhalten unter Umständen überfordert sein könnten.

„Du solltest mal dein Emo-Image ablegen“ war ein Satz, der mir gegenüber in diesem Jahr gefallen ist und der mir im Kopf blieb. Es war einer dieser Sätze, die nachhallten und von denen ich – reichlich erstaunlich – in diesem Jahr schon eine Handvoll gehört habe. Und das auch noch von Leuten, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie so eine Sicht auf mich haben oder sich überhaupt Gedanken um beziehungsweise über mich machen. (Dass ich diese Sätze dann auch noch wirklich gesagt bekommen habe – nicht geschrieben, nicht getextet, nicht über ein ach so soziales Medium übermittelt – hat wohl auch noch ein Stück mehr dazu beigetragen, dass ich sie mir zu Herzen genommen habe.)

Jedenfalls: Der Satz war schon irgendwie wahr. Das Schöne und gleichzeitig auch das Schlimme an wahren Dingen ist, dass sie auch nach einiger Zeit noch wahr sind und wahr bleiben: Ich sollte vermutlich mal mein Emo-Image ablegen.

Weniger zu bloggen war/ist tatsächlich der einfachste Weg, um nach außen hin ein großes Stück weniger emo zu erscheinen. Tatsächlich weniger rumzuheulen, ist aber eine völlig andere Angelegenheit. Das habe ich nämlich trotzdem im großen Stile getan, auch wenn ihr das hier nicht lesen konntet. Und überhaupt: Was, wenn das kein Image ist, sondern ich einfach so bin? Wenn das ganz Kraftklub-esk keine Phase, sondern mein Charakter ist? Bestimmt das Sein das Bewusstsein oder das Bewustsein das Sein? Was, wenn ich gar nichts anderes kann, als pathetisch-jämmerliche Sachen ins Internet zu schreiben, wenn ich denn überhaupt mal etwas hier reinschreibe? Soll/kann/darf ich dann nichts mehr veröffentlichen, weil sich irgendjemand irgendein Bild von mir machen könnte oder sich selber einfach nur unwohl dabei fühlt, so etwas zu lesen, von mir? Und womöglich noch als jemand, der mich kennt, „in echt“?

Vielleicht habt ihr den wunderbaren (Ex-)Blog soldier soldier von Franziska Seibel und den Beitrag „Gleichgewichtsprobleme“ von ihr gelesen. Franziska schreibt dort:

„An Selbstdarstellung auf Facebook oder Instagram ist man mittlerweile gewöhnt. Aber was ist mit ganzen Sätzen? Sind die Menschen bereit für ganze Sätze? Oder darf ich mir dann in ein paar Monaten wieder die üblichen Fragen anhören? […]

Ich will mich wundern, mich freuen, mich ärgern, Stimmungen einfangen. Nur eins will ich nicht: mich entschuldigen. Weder online, noch offline.“

DAS. So sehr das.

Es gibt diverse Texte auf meinem Blog (1, 2, 3, 4), die in epischer Länge mein Hadern mit der Textthematik und „Emo-ness“, insbesondere mit Blick auf die Reaktionen von anderen darauf, abhandeln. Wenn ich’s überspitzt darstelle, könnte ich sagen: Ich habe zuletzt mehr Meta-Blogposts als Blogposts auf dem Blog veröffentlicht und mehr über das Bloggen nachgedacht, als dass ich es wirklich getan habe. Und eigentlich bin ich’s leid. Weil ich von anderen Leuten auch nicht verlange, dass sie sich für dies, das oder jenes, das sie im Internet oder sonstwo in ihrer Freizeit tun, rechtfertigen.

Fakt ist: Ich werde wohl immer diesen Hang zum (Über-)Dramatischen haben. Den kann man nachvollziehen oder auch nicht und gut finden oder auch nicht. Das ist nicht mehr und nicht weniger als Geschmackssache – so, wie eigentlich alles andere im Leben auch.

Fakt ist auch: Dieser Blog wird nie ein Lifestyle-Magazin sein. Nie ein Reiseblog. Nie ein Musikblog. Oder einer über Mode. Filme. Oder Food. Es wird hier wohl immer ein bisschen emo sein und ja – sicherlich oft mehr, als manche Leute ertragen können oder mögen werden.

Ich weiß noch nicht, wann ich tatsächlich mal wieder Muße haben werde, hier etwas zu schreiben, aber – wenn’s denn mal wieder soweit sein sollte, wenn ich nicht mehr nur möchte, sondern wirklich will oder vielleicht sogar muss – dann möchte ich’s wollen, müssen und machen dürfen, ohne faden Beigeschmack, ohne Restriktionen, ohne Fragen und Kommentare.

Bis dahin gilt: Manchmal muss man auch Stille aushalten können. Ich bin gespannt, wie lange ich selber das noch kann. Wie lange das bei mir noch dauert, bis das Wollen wiederkommt. Und wie lange ihr das noch aushalten könnt oder ob euch das zu langweilig wird oder schon längst zu langweilig geworden ist – „tote“ Blogs fetzen schließlich nicht, das kann ich verstehen. Vielleicht folgt ihr mir bis dahin einfach (weiterhin) bei Twitter oder Instagram (oder meinetwegen auch auf Snapchat @jttpnkt) – und vielleicht lesen wir uns dann auch bald wieder hier. Unverhofft bloggt schließlich oft.

 

3 Gedanken zu “„J. existiert nicht.“

  1. Jenny says:

    Wenn Du emohaft schreibst und das okay für Dich ist, mach das. Ich finde, man orientiert sich viel zu sehr an anderen – und wer kein Bock drauf hat soll doch gehen. So.

  2. franziskaseibel says:

    Ich wusste nicht, ob du überhaupt noch bloggst. Und ich bin dafür, dass du damit wieder anfängst. Ob regelmäßig oder unregelmäßig.

    Aber es ist schon krass, wie sehr die Meinungen zum Thema Befindlichkeits-Blogs auseinander gehen. Die einen finden es gut und kapieren auf Anhieb, dass die Texte eben nur einen kleinen Teil der Persönlichkeit ausmachen. Die anderen begreifen es irgenwie nicht und denken, man wäre grundsätzlich ein trauriger Emo, der Seelenstriptease betreibt. Aber die Selbstinszenierung, die einige auf Instagram, Youtube oder Facebook betreiben, die ist natürlich ganz was anderes. Die schreiben da ja keine kompletten Texte, Bildergucken ist doch was feines.

    Die Leute lassen sich gern von Oberflächlichkeiten einlullen und gehen mit emotionalen Themen gleichzeitig wahnsinnig zimperlich um. Das soll bitteschön im Privaten stattfinden, das hat im Internet nichts zu suchen. Irgendwie traurig. Deshalb sollten wir auch nicht damit aufhören.

    <3

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