Wisch und weg oder: Love me Tinder.

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Love me true.

Du sagst, du hättest mich ja nicht ausgesucht, wenn dir die Bilder nicht gefallen hätten und ich sage kleinlaut und ein bisschen sauer auf mich selbst, weil ich weiß, dass es wahr ist, „Ich dich auch nicht“. Du sagst, ich würde keine Komplimente mögen und ich sage, dass das stimmt. Du schätzt mich auf 1,70 Meter oder etwas größer, ich muss lachen und gestehe, „1,64 Meter“. Du sagst, du würdest kleine Frauen sowieso hübscher finden und ich verdrehe die Augen, weil ich dir das nicht glaube, weil ich finde, dass das jetzt anbiedernd ist, ich sage, „Red‘ doch nicht so einen Quatsch. Laber‘ doch nicht“. Ich fange an zu erzählen, wie das ist, wenn man keine Modelmaße hat, wenn man nicht aussieht wie die Puppe im Schaufenster, wenn man viel zu lange viel zu klein, viel zu dick und viel zu zahnspangig war, für alles, für vieles, für jeden, für die meisten. Du schüttelst den Kopf, vermutlich mit einem Seufzen, zumindest stelle ich mir das vor, denn ich sehe es ja nicht, und du sagst, du schreibst, ich solle nicht so über mich reden, du würdest das nicht mögen. Du würdest mich total liebenswert und sympathisch einschätzen und ich merke, wie genervt ich von diesen Sympathiebekundungen bin, obwohl ich sie dir glauben möchte, und ich merke auch, dass das gar nicht an dir liegt, sondern an den anderen, an denen, die vor dir mal an derselben Stelle waren und texteten oder redeten und die es am Ende dann doch nicht so gemeint haben. Nicht so, sondern anders. Du schickst mir ein Foto von mir, ein Ganzkörperfoto, das ich dir sendete, weil ich deine Meinung zu einem Outfit wissen wollte, mehr nicht, du schickst es mir zurück, genau jetzt, im Gespräch hältst du mir damit den Spiegel vor und fragst mich, was daran denn falsch sei. Ich möchte sagen: „Alles“, entscheide mich dann aber für „Nichts“. „Nichts ist daran falsch“. Nichts sollte daran falsch sein.

Aber.

Was du nicht weißt, ist, dass ich mich beinahe nicht getraut hätte, dir überhaupt (m)ein Tinder-Herz zu schenken; dass ich das eigentlich nur aus einem Anflug von Mut und „Du hast ja nichts zu verlieren, er wird es gar nicht merken, wenn er dich nicht ebenfalls liked“-Denken heraus getan habe; dass ich mich nie getraut hätte, dich anzuklicken, wenn ich damals schon die Fotos gesehen hätte, die ich jetzt sehen kann, jetzt, nachdem wir von Tinder auf andere Plattformen wechselten.

Was ich dir nicht sage ist, dass ich mich selber viel zu oft viel zu klein mache und ich mich viel zu oft viel zu blöd finde. Dass ich mich selbst im geschützten virtuellen Raum oft nicht traue, über meinen Schatten zu springen und mal ein bisschen Selbstbewusstsein zu haben oder wenigstens vorzutäuschen. Dass ich mir selbst hier denke: „Was denkst du dir denn eigentlich, du, gerade du, was denkst du dir denn, als hättest du eine Chance, als könnte da ein gegenseitiges Interesse bestehen, als würde nicht jeder sehen, wie oll du bist und wie kaputt“.

Während ich gerade ausholen und das alles erklärend nachschieben möchte, merke ich: Die Chancen stehen gut, dass ich dich schon jetzt mehr mag, als du mich jemals mögen wirst. Weil das immer so ist. Weil mir das immer passiert. Weil ich mich immer zu schnell zu sehr gewöhne an Menschen, die ich zu nah an mich heranlasse; weil ich naiv bin; weil ich glaube, dass das am Ende nur so funktionieren kann, mit dem Sich-finden, Sich-verlieben, mit dem Lieben, indem man etwas von sich preisgibt, wenn man seine Ecken und Kanten zeigt und nicht versteckt, die Dellen und die Kratzer im Lack, das, was man auf den schönen Profilbildern nicht sieht und das, was man an halbwegs okayen Tagen hinter einem aufgesetzten Lächeln und dem richtigen Filter verstecken kann; weil ich daran glaube, dass das irgendwann funktioniert mit der Ehrlichkeit und der Verletzlichkeit und den offenen Karten, so, genau so und nur auf diesem Wege, auch wenn ich bisher immer, immer, immer damit auf die Nase gefallen bin und langsam nicht mehr weiß ob ich bei einem weiteren Sturz wieder aufstehen kann und möchte.

Und weil ich mir plötzlich wieder unsicher bin, wie man denn überhaupt jemanden wie mich gut finden kann, was das hier eigentlich war oder ist oder sein soll, was das hier sein könnte, wenn wir wollten und wenn wir uns treffen würden, weil ich mir plötzlich unsicher bin, ob das nicht der falsche Ort und der falsche Zeitpunkt ist für so viel nach außen gekehrtes Inneres und weil ich merke, dass ich gar nicht weiß, was du eigentlich willst und in mir siehst, denke ich erst kurz und dann immer länger und immer wieder, du solltest dir einfach jemand anderen suchen, einen von deinen 300 anderen Tinder-Matches aus den vergangenen Monaten, 300, dreihundert, d r e i h u n d e r t, und ich sollte einfach mal bei den zehn, zwölf Matches schauen, die ich in den letzten paar Wochen angesammelt habe, ich sollte mal schauen, ob da nicht jemand aus der Nähe dabei ist; jemand, mit dem ich nicht wochenlang über Gott und die Welt und meine Gedanken rede und dadurch dafür sorge, dass nicht-haltbare Erwartungen auf beiden Seiten aufgebaut werden und vor allem natürlich auf meiner, weil ich immer diejenige bin, die danach am meisten Probleme hat, sich wieder aufzurappeln; jemand, der mir mal eben so ein Feierabendbier anbieten kann oder einen Feierabendpenis, wenn er denn möchte und ich auch, und ob das nicht einfacher wäre, ob das nicht auch viel mehr Sinn der Sache ist, Sinn dieses Spieles, das wir hier schon wieder aus allem machen, aus dem Kennenlernen und Gutfinden und Mögen, ob es das nicht besser trifft, zack, zack, zack, im Sekundentakt, im Rhythmus des Wischens, Nope, Nope, Nope, Like, Match, Nope, Nope, Like, Nope, schnell durchgewischt, schnell geliked, schnell unterhalten, schnell gesehen, schnell herausgefunden, wie man tickt, einzeln und zusammen, und im Zweifelsfall auch schnell wieder voneinander verabschiedet, sich schnell wieder vergessen, ohne einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, ohne Bedauern, ohne das Gefühl haben zu müssen, zwischenmenschlich-romantisch versagt zu haben trotz oder gerade wegen all der Informationen, die man übereinander besessen hatte: „Man hätte uns ausdrucken können, seitenweise, siehst du hier, wie ich dich an dieser Stelle mochte und du mir an jener vermittelt hast, du würdest mich auch mögen?“

Und weil ich plötzlich Angst bekomme, du könntest ernst meinen, was du schreibst und weil ich plötzlich Angst bekomme, du könntest nicht ernst meinen, was du schreibst, swipe ich mich schon wieder durch die nächsten Bilder – Nope, Nope, Nope, Like, Match, Nope, Like.

Und dabei will ich doch eigentlich nur, dass das was wird, dass das passt, dass das klappt.

Und wenn nicht mit dir, dann mit irgendwem anderes.

Nope, Nope, Nope, Like, Nope, Like, Match.

2 Gedanken zu “Wisch und weg oder: Love me Tinder.

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