Alles (nicht) neu.

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Wann ist der beste Zeitpunkt dafür, mit etwas Neuem anzufangen? Sicherlich kann man dazu keine allgemeingültige Aussage treffen, aber ich mutmaße jetzt einfach mal, dass die Antwort in 90% der Fälle „jetzt“ lautet. „Jetzt sofort“. Wenn man merkt, dass man unglücklich wird oder vielleicht gar nicht mal direkt unglücklich, sondern einfach nur unzufrieden, dann sollte man etwas daran ändern, bevor man es ewig mit sich schleppt und aus Gewohnheit nichts ändert – oder aus Angst und Feigheit; oder, oder, oder.

Ich habe in letzter Zeit viel über einen Neustart nachgedacht, über einen neuen Blog und Twitteraccount, ich habe alles schon vorbereitet: Ich habe mir WordPress-Domains gesichert für den Fall, dass mir irgendwann mal nach einem „Frollein“ oder „Frau“ vor meinem Jott ist (super-erwachsen) oder danach, auf die Vokale zu verzichten; sogar etwas ganz Neues, was sich nicht auf das Jott zurückführen lässt, habe ich mir angelegt, als Zufluchtsort, als einsame Insel, als kleinen Notanker, wenn mir hier mal alles irgendwie um die Ohren fliegen oder zu festgefahren sein sollte. Und dann saß ich vor diesen neuen Accounts und sah, dass es gut war, dass sie gut waren, aber eben auch noch ganz schön leer (wir alle kennen den unschönen Kampf mit dem unbeschriebenen Blatt) und ich habe überlegt und überlegt, wie man das denn überhaupt nochmal macht, neu anfangen, und vor allem auch aus welchen Gründen und ich bin am Ende zu dem Schluss gekommen, dass ein geänderter Name zwar ein schönes äußerliches Symbol dafür ist, um zu signalisieren, dass man etwas ändern möchte, dass es aber prinzipiell egal ist, wie das Kind heißt – es wird ja sowieso immer meins sein und ich könnte wohl auch gar nicht anders, als es am Ende wieder zu dem zu machen, was es jetzt bereits ist. Wenn sich überhaupt etwas ändern soll und muss, dann die Grundhaltung zum Schreiben, die Einstellung zu dem, was hier inhaltlich passiert – dann kann der Name auch derselbe sein und bleiben, dann merkt man früher oder später auch so, dass sich etwas getan hat, dass man gerade wieder dabei ist, ein bisschen zu wachsen oder auch schon gewachsen ist – an sich und dem wirren Drumherum, das einem das Jahr bisher so beschert hat.

Ein erster Schritt dahin, inhaltlich etwas zu ändern, bestand darin, einen kritischen Blick zurück zu werfen auf das, was man hier und anderswo von mir finden kann – oder finden konnte. Ich habe gerade vor einiger Zeit meine Web-Profile sortiert und aufgeräumt: Instagram von 2012-2013, mein privates Facebook-Profil, Twitter und natürlich auch den Blog von 2010-2013. Ich hatte ja immer mal wieder die vage Befürchtung gehabt und geäußert, es würde zu viel von mir im Netz stehen, aber beim Nachlesen (okay, beim Nachüberfliegen) habe ich mit Erleichterung feststellen können, dass es zum Glück alles so dramatisch eigentlich doch nicht war und ist. (Es fühlte sich einfach nur so an.) Trotzdem bin ich nach einem Tag Recherche und einer Beinahe-Sehnenscheidenentzündung virtuell um circa 5000 Social Media-Einträge erschlankt – und das fühlte sich ziemlich gut an. Ich trennte mich hier von ein paar sehr wehleidigen Texten, von vielen Musikposts und von diversen Wochenrückblicken (2010 und 2011 wurden komplett in den Papierkorb gelegt), weil es mich genervt hat, dass man mit dem Finger auf die Woche zeigen und vielleicht nicht 100 prozentig wissen, aber mit einer sehr hohen Trefferwahrscheinlichkeit mutmaßen konnte, wann es mir gut und wann es mir schlecht ging und aus welchen Gründen – Uni, Berufsschule, Job, Liebeskram and what have you. In dem Moment, in dem ich das alles geschrieben habe, war es wichtig, es zu schreiben – weil ich nicht wusste, wohin ich es sonst hätte packen sollen. Aber es muss nicht auch jetzt noch hier stehen, Jahre später, es müssen nicht auch jetzt noch Leute nachlesen können, wie es um mich und mein Innerstes stand. Und mal ehrlich: So spannend ist mein Leben ja auch nicht. Ich schreibe keine Bücher, ich slamme nicht, ich engagiere mich nicht politisch, ich mache keine Musik und ich arbeite weder für’s Radio, noch für’s Fernsehen. Ich bin einfach nur wie jeder andere Mensch auch damit beschäftigt, ein ansatzweise okayes Leben zu führen und das Beste daraus zu machen – und das ist oft schon schwierig genug. (Deswegen vielleicht auch mal ein kleines großes Danke an euch, die ihr trotzdem mitlest, obwohl hier doch alles eigentlich ganz und gar unspektakulär ist.)

Die Sache ist, mit Blick auf den Bloginhalt, nach wie vor auch die: Ich bin nicht wie Lena oder Lisa. Das muss ich auch nicht sein, dafür bin ich schließlich ich und das ist mehr als genug und vollkommen ausreichend. Was ich damit meine ist bloß: Ich kann nicht schreiben und die Leute denken, „Oh, das ist aber ein schöner, fiktiver Text und vielleicht ist dies und das in Teilen persönlich“. Ich kann das nicht, noch nicht jedenfalls, weil ich drei Jahre lang nichts anderes gemacht habe, als genau diese Distanz zwischen Text und Autor gar nicht erst aufkommen zu lassen, indem ich mein persönliches (vermeintliches) Leid (ich übertreibe jetzt sicherlich mit diesem Begriff, aber vieles war gefühlt für mich wirklich melodramatisch und schlimm) immer wieder in pathetische Satzketten ausformulierte und ins Netz stellte. (Rückblickend kann ich über einen Großteil, wenn auch noch lange nicht über alles, ganz gut lachen und freue mich darüber, dass mir die Formulierungen hin und wieder so schön gelungen sind, dass ich die Texte auch jetzt noch leiden mag – vermutlich sogar besser als damals, weil ich jetzt eine Handbreit Distanz dazu aufgebaut habe.) Ich finde das Persönliche an und in diesem (oder jedem anderen) Blog nach wie vor auch nicht schlimm, denn dazu ist ein Blog ja irgendwie da oder dafür kann ein Blog da sein: Um Gedanken herauszulassen und Leute hinein. Trotzdem ist es im Ergebnis (für mich) ein bisschen schade, weil ich es gerne gekonnt hätte und gerne können würde, Texte schreiben, die als genau das gesehen werden: Als Texte. Ohne, dass ich danach mails bekomme, in denen man mir sagt, ich würde mich zu nackt machen oder man wäre besorgt. Ich würde mir wünschen, dass das hier zukünftig einmal geht, dass man erst den Text sieht und mich erst irgendwann danach, auf den zweiten, dritten oder vierten Blick. Vielleicht ist das utopisch, aber den Versuch wäre es mir wert. Oder anders: Den Versuch ist es mir jetzt wert.

Was ich mit diesem Beitrag sagen wollte, um dieses Geschwafel vielleicht doch mal zu einem Ende zu bringen: Glaubt nicht, hier würde nichts passieren, nur, weil ich derzeit nichts schreibe, was über ein paar Bildunterschriften hinausgeht. Ich denke ziemlich viel über das hier nach – über das was war, was ist und was sein soll – , aber ich bin noch bei der Bestandsaufnahme und in der (Neuer-)Findungsphase und ich weiß nicht, wie ich das alles umsetzen kann und möchte. Es wird sich sicherlich für’s Erste nicht viel ändern: Die Wochenrückblicke aus diesem Jahr werden konsequent zu Ende geführt, weil sie wenigstens dafür sorgen, dass ich mich ein Mal in der Woche auf dem Dashboard einlogge und überhaupt etwas schreibe. Aber es könnte durchaus sein, dass ihr bald hierhin klickt und nichts mehr da ist von den alten Sachen. Es könnte genauso gut sein, dass sich der jetzige Fundus an Texten nicht reduziert und einfach nur neue, andere dazukommen. The future is unblogged. Alles kann, nichts muss, irgendwas wird. Soviel steht fest. (Und vielleicht bleibt ihr ja auch weiterhin an Bord. Das wäre schön.)

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