I was a television version of a person with a broken heart.

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Es gibt ein paar Bands, die ich als Herzensbands bezeichnen würde. Die Beatsteaks, die mit dafür verantwortlich waren, dass bei mir der Knoten geplatzt ist, dass ich mal rausgegangen bin, raus aus mir und raus aus meinem Alltagstrott, dass ich Konzerte in Prag, Straßburg, Amsterdam oder London besucht und einige der besten Menschen der Welt kennen gelernt habe; Turbostaat, die mich für das Scheppernde und Polternde, für deutschsprachige Texte, für das etwas Kryptischere, das, was man nicht auf das erste Hören hin versteht, begeisterten; die Foo Fighters, die mit ihren großen Songs in meine kleine Welt einschlugen, immer zum richtigen Zeitpunkt und die es irgendwie immer wieder schaffen, mich aufzumuntern. Aber wenn es wirklich eine Band in meinem Leben gibt, die den Namen Herzensband verdient hat – dann ist das vermutlich The National.

Ich bin über Bloodbuzz Ohio auf sie und auf High Violet gestoßen. Ich kannte sie vorher nicht, keinen anderen Song, keine andere Platte, und trotzdem stand ich dann auf dem Sziget bei ihnen vor der Bühne. Und das war schrecklich. Schrecklich und schön, weil ich trotz der milden Abendsonne permanent Gänsehaut hatte und mich gar nicht richtig konzentrieren konnte, weil jedes gesungene Wort, das mir ins Ohr ging, direkt zu einem Kloß im Hals wurde, weil ich bei Zeilen wie I’m afraid of everyone und It takes an ocean not to break gar nicht wusste, wohin mit mir und weil ich mich andauernd fragte, wie er das macht, dieser Mann am Mikrofon, dieser Mann mit seiner Weinflasche, die er gefährlich oft zu seinem Mund führte, dieser Mann, der manchmal urplötzlich aus sich herausbrach – wie stellte er das nur an und musste man sich eigentlich Sorgen machen? Wenn das Hören schon so schlimm war, wie schlimm musste es dann sein, solche Texte zu schreiben und damit auch noch aufzutreten? Wie kaputt musste man sein oder andersrum: Wie heil konnte man noch sein, wenn man das macht, vor Hunderten, Tausenden, andauernd? Das war mir damals unbegreiflich. Das ist es auch heute noch.

Das war 2011. The National waren unmittelbar nach dem Sziget bis zum Jahresende hin mein treuer Begleiter. Danach hatte ich sie immer wieder mal auf meinem Radar, aber nicht mehr wirklich konstant und dauerhaft. Doch dann kamen die letzten paar Monate aus 2012 und die ersten paar Monate aus 2013. Und erst wurde es irgendwie albern und dann irgendwie absurd und dann irgendwie schlimm. Für mich. Und plötzlich war diese Band wieder präsent und ein Leben ohne High Violet kaum mehr denkbar, weil es zum Soundtrack meiner Lebenssituation und zum einzig funktionierenden Schlaflied zugleich wurde. Diese Platte war auf einmal wie eine Bibel für mich und mit ihr auf den Ohren war es zwar immer noch schlimm und manchmal sogar noch schlimmer, weil mich einige Songs oder Zeilen daraus trafen wie Leberhaken, aber – meistens war es damit ein bisschen besser. Weniger unerträglich. Matt Berninger hat mich in den Schlaf gesungen in Nächten, in denen ich vor lauter Herzrasen und unregelmäßigem Herzschlag dachte, ich würde den nächsten Morgen und den schier endlos weit weg erscheinenden Kardiologentermin nicht mehr erleben; in denen ich die Tabletten noch nicht hatte, mein Kreislauf eher schlecht als recht funktionierte und in denen ich mich deswegen reinsteigerte in die Panik, so richtig. Und Matt Berninger hat mich in den Schlaf gesungen in Nächten, in denen ich vor lauter Herzbruch dachte, ich würde wegen der ganzen Gedankenwälzerei und dem Rumgeweine kein Auge zutun können. Am Ende tat ich es dann doch. Jedes Mal wieder. Plötzlich zählte ich nicht mehr die wachen Stunden, sondern bestenfalls noch die Songwiederholungen, wenn ich sie denn bemerkte und ich freute mich darüber, wenn ich mich nicht an das Dazwischen erinnern konnte – weil das bedeutete, dass ich wohl doch wenigstens eine Stunde geschlafen haben muss.

Herm hat kürzlich in einem Text, der einen ganz, ganz anderen, viel, viel tragischeren Aufhänger hat, folgenden Satz geschrieben: Man ist viel zu selten bewusst dankbar dafür, dass es Musik gibt. Und das stimmt. Ich kann meine Dankbarkeit für die Existenz dieser Platte gar nicht in Worte fassen und erst Recht nicht in einen Blogpost packen. Vielleicht trifft dieser Tweet es aber ganz gut:

Eigentlich müsste ich diese Band, müsste ich Matt, irgendwann, wenn sich die Gelegenheit ergibt, dafür einfach umarmen, ihn drücken, sehr feste, und ihm einen dieser Blicke zuwerfen, die alle Worte überflüssig machen, weil ein Gleicher vor einem Gleichen steht und man sich auch so versteht.

Das ist mittlerweile alles ein paar Monate her. Jetzt ist das neue The National-Album erschienen, Trouble will find me – und alles ist gut.  Alles ist einfacher. Das Hören ist einfacher, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mich einige Zeilen nicht nach wie vor treffen; dass The National es nicht noch immer schaffen, mich manchmal aus der Bahn zu werfen. Aber, und das ist der große Unterschied zu der High Violet-Phase – in erster Linie liegt das einfach nur daran, dass das eben passiert, wenn man The National hört. Weil das eben so ist, wenn jemand wie Matt singt, was er singt und wie er es singt – wie er diese Gefühlszustände und Traurigkeiten konstatiert, so stoisch und ruhig und unumstößlich. Und weil das eben so ist, wenn jemand wie ich so etwas hört, ich alter Emo und Super-Empathiker. Gerade deswegen bin ich zugegebenermaßen ziemlich froh darüber, dass einige Songs von Trouble will find me wirklich erst jetzt erschienen sind. Wenn Matt heute in Fireproof singt Jennifer, you are not the only one to sit awake until the wild feelings leave you / You’re fireproof / Nothing breaks your heart / You’re fireproof / It’s just the way you are, dann habe ich dafür ein Lächeln übrig. Ausgerechnet mein Name in so einem Zusammenhang! Dann kann ich sagen, „Wenn du nur wüsstest, Herr Berninger!“ und dann kann ich grinsen und den Kopf schütteln und darüber nachdenken, wie lustig es wäre, wenn er es wirklich wüsste, wenn er es wirklich gewusst und mitbekommen hätte, diese doppelte Herzscheiße, durch eine dieser verrückten kosmischen Verbindungen, an die ich nicht glaube. Aber ich weiß ziemlich genau, dass es mir vor einigen Monaten wie der schlechteste Witz der Welt vorgekommen wäre, über den ich nicht hätte lachen können. Kein Stück. Und das gilt für so viele Songs und Textzeilen auf dieser Scheibe, die ich jetzt einfach nur großartig und wunderbar finde und die mich in einem anderen Moment vermutlich ganz schön ruiniert hätten.

Ich hoffe, dass der Zeitpunkt, an dem Trouble will find me ähnlich wie damals High Violet zum Soundtrack meines Lebens wird, erst mal auf sich warten lässt. Aber – wenn es doch mal wieder so sein und doch mal wieder schlimm werden sollte, aus welchen Gründen auch immer – dann würde ich wohl keine Platte lieber hören wollen. Weil da so viele Wahrheiten drin stecken, die mit jedem Hören größer und größer werden. Weil nach wie vor nichts so beruhigend wirkt, wie der Berninger’sche Bariton. Und weil The National wohl tatsächlich meine Herzensband sind. Ganz unmetaphorisch.

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