27.

2015-03-08 20.17.30

Wir sind älter geworden und das erste Mal auch wieder ein bisschen erwachsener, auch gefühlt, gerade gefühlt, anders als noch im letzten oder vorletzten Jahr. Wir sind erwachsener geworden und haben es selbst auch ein Stückchen mitbekommen und jetzt, in der Rückschau, stellen wir fest, dass die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat, im Kopf, im Herzen und um die Augen herum; wir merken, dass das Jahr uns älter gemacht hat und das Leben, das zwischendrin passiert ist, noch viel, viel mehr: Da gab es doppelt kaputte Herzen, die trotzdem nicht auseinandergefallen sind und weitergeschlagen haben, auch wenn der Rhythmus viel zu oft nicht stimmte und wir ganz melodramatisch dachten, wir würden daran sicherlich sterben, die Ärzte hätten ja sowieso keine Ahnung und unsere guten Freunde erst Recht nicht; da gab es Nachtschichten und Überstunden und Druck ohne Ende und kaum einen freien Abend, an dem wir mal nicht an die Arbeit gedacht und uns gefragt haben, ob wir das, was wir da machen, eigentlich gut machen – gut genug; da haben wir uns alles zu sehr angenommen, so sehr, dass es uns am Ende zwar nicht den Verstand, wohl aber den Schlaf, ein paar Kilo Hüftgold und ein bisschen auch die Gesundheit gekostet hat. Die Haut ist dünner geworden während dieser Zeit und das Herz dafür schwerer und anstatt dass es sich ausbalancierte, addierte sich alles seltsam auf, so, dass wir irgendwann gar nicht mehr wussten, wohin mit all dem Gewicht, so, dass wir irgendwann taumelten und so, dass wir am Ende dann letztlich auch unter all der Last gestürzt und liegengeblieben sind. Für eine Weile. Kurz. Oder vielleicht auch gar nicht mal so kurz. Aber was sind schon ein paar Wochen mit Blick auf ein ganzes Jahr?

Und irgendwann sind wir dann ja auch wieder aufgestanden. Wir haben uns den Dreck von den Knien geklopft und am liebsten wollten wir allen, die uns fallen gesehen haben, zurufen „Haha, tat ja gar nicht weh!“, wir wollten die zerkratzen Hände triumphierend in die Luft strecken und die zerrissene Hose wie einen Tapferkeitsorden tragen und uns ein verschmitztes, wenigsten aber ein gleichgültiges, Lächeln aufmalen, für die anderen und für uns selbst, aber das funktionierte natürlich nicht. Weil wir selber ja viel zu gut wussten, dass es eben doch weh tat und dass es eben doch anstrengend war, viel zu sehr und viel zu lange. Weil wir Gleichgültigkeit in diesem Leben nicht mehr lernen werden. Und weil das eigentlich eine gute Sache ist, trotz allem, weil eigentlich nichts schlimmer ist als ein Mensch, an dem alles einfach abprallt, der nichts mehr mitbekommt, der nur noch Beton ist, von innen und außen.

Zwischen all den Unsicherheiten und dem Chaos und bei all der Orientierungslosigkeit, an der sich nach wie vor nicht viel geändert hat (Will ich da sein, wo ich bin? Und wenn nicht: Wo möchte ich sein und mit wem? Welchen Weg muss ich wann einschlagen, um dort zu landen? Reicht das, was ich bin und was ich habe? Ist das gut genug? Wenn ja, für wen und wenn nein, warum nicht und wer sagt das?), merken wir trotzdem langsam, dass wir in den letzten Monaten vielleicht zu der bisher besten Version von uns selbst geworden sind; dass es da ein paar Verbesserungen und Updates gab, die nicht hätten durchgeführt werden können, wäre der ganze Mist zwischendrin nicht gewesen, der uns bis an die Grenze getrieben hat. Soft- und Hardware wurden optimiert und ein paar Bugs gefixt, aber noch immer sind wir eher etwas für Bastler und Liebhaber, etwas für Leute, die damit leben können, dass das ein oder andere Programm hin und wieder mal abstürzt, ohne ersichtlichen Grund, dass da nach wie vor nicht alles ruckelfrei läuft und es immer mal wieder ein paar Überraschungen geben kann. Trotz der nach wie vor vorhandenen Schwächen: Wir sind ein bisschen besser als noch vor einem Jahr und wir merken es uns an, jeden Tag ein bisschen mehr. Wir wissen jetzt besser, wie wir ticken und wie wir in bestimmten Situationen reagieren. Wir wissen jetzt besser, was wir aushalten können. Und das ist eine Menge. Darauf kann man aufbauen – die nächsten 365 Tage lang und vermutlich sogar ein Stückchen darüber hinaus.

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