Bist du noch wach?

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Es gibt Bücher, die dich an die Hand und in ferne Länder und vergangene oder zukünftige Zeiten mitnehmen; und es gibt Bücher, die dich in dich selbst reisen lassen, ein Stück weit. Die Bücher der zweiten Sorte sind die, die dir nicht nur die Hand reichen, sondern dir auch mal einen Arm um die Schulter legen oder die dich schubsen, wenn es sein muss, die dir die Nase auf’s Papier drücken und sagen, „Hier, guck‘ mal, kennste! Kennste, ne? Kennste!“ Das sind die Bücher, die du nicht weiterlesen kannst an einem schlechten Tag, an dem du alleine auf deinem Bett liegst und dich wahlweise in eine andere Stadt, in ein Paralleluniversum oder wenigstens ein bisschen zurück in die Vergangenheit wünscht. Das sind die Bücher, die du manchmal nicht weiterlesen kannst, weil dein Kissen schon mehr als genug Salzkrusten hat und weil du weißt, dass da Sätze sind, haufenweise, bergeweise, die dir in die Seite und feste ins Herz zwacken, die dich beim Lesen ins Stolpern bringen und die machen, dass sich deine Augen mit Wasser füllen, weil das alles zu wahr ist und zu nah dran an dir und weil du abwechselnd nicken und seufzen und schlucken musst und denkst, „Ja, kenn‘ ich.“

„Bist du noch wach?“ von Elisabeth Rank ist genau so ein Buch. Und wäre es zu diesem Zeitpunkt nicht schon lange, lange in Druck gewesen, ich hätte schwören können, dass Lisa mir einige der Sätze in den letzten paar Monaten einfach direkt aus dem Kopf und aus dem Herzen abgeschrieben hat. Weil sich vieles genau so anfühlte, manchmal. Weil es sie nämlich wirklich gibt, diese Reas und Konrads und Sinas, auch wenn sie vielleicht anders heißen und in anderen Städten wohnen, weil vermutlich jeder von uns mal einer von ihnen war oder ist oder mehrere zugleich und zu unterschiedlichen Teilen.

Sich dann wiederzufinden in den Figuren tut gut. Zu wissen, dass man nicht alleine ist; dass das schon mal jemand mitgemacht oder sich wenigstens verdammt gut ausgedacht hat. Wenn man selbst denkt, dass man sich nicht halten kann, weder fest, noch aus oder zurück, dass man nicht genug Hände hat, um auf jede Wunde einen Finger zu legen oder ein Pflaster zu kleben und sich gleichzeitig auch noch so zu stützen, dass man aufrecht steht, dass man überhaupt steht und durch den Tag kommt, dann tut es gut, etwas zu lesen wie „Du fällst nicht auseinander.“ Wenn in einem gerade alle Flüsse über die Ufer treten und ein Jahrhundertsturm tobt, ist man erleichtert über Sätze, in denen genau dieser Zustand beschrieben wird: „So hatte ich mir das nicht vorgestellt. […] Ende zwanzig zu sein und auf einem Bett zu sitzen, als sei es ein Boot, und der Rest wirft sich herum wie ein Meer […].“ Wenn man nicht weiß, wie einem genau zumute ist, dann hilft es, wenn das jemand vage formuliert: „Es geht okay, okay geht es immer, aber okay ist nicht gut.“

Und manchmal, da tut es auch weh. Es tut weh, an tausend Stellen und mehr, wenn man am Seitenende ankommt und da ein „Du wolltest mich nicht.“ wartet. „Du wolltest mich nicht.“  – dieser wortgewordener Leberhaken, diese Ohrfeige in Satzform, die einen das Buch kurz zur Seite legen und ein bisschen schwer atmen lässt, bevor man es wieder aufnehmen kann. Es tut weh, wenn man liest: „Weißt du, ich hätte ewig warten können, […] das Schlimmste wäre gewesen, wenn wir uns verpasst hätten. […] Aber beim Warten wird man ja selber bescheuert.“ Es tut weh, weil das nämlich so ist. Ziemlich genau so. Und auch das hier ist so: „Ich hatte keine Vorstellung davon, wie es sein könnte ohne dich, und die Minute danach. Und ich kann nicht sagen, wann das angefangen hat. Als ich es bemerkt habe, war es schon mittelgroß. Das hier wird eines der Gefühle sein, und diese Tage werden zu der Zeit gehören, an die ich mich noch lange erinnern werde, das musst du mir glauben. Vieles, was mit dir zu tun hat, wird beim Vorbeilaufen noch lange flackern, und ich vermute, es wird eine Weile dauern, mich daran zu gewöhnen. Das Flimmern wird nachlassen.“  Und auch das tut kurz weh.

Aber.

Am Ende bleibt – trotz der schmerzlichen Wahrheiten und trotz des Verlustes, der zwischen diesen zwei Buchdeckeln steckt – der leise Gedanke, dass das alles so schon irgendwie richtig ist. Dass man nicht immer alles fest- und behalten oder für selbstverständlich nehmen kann, auch wenn man das gerne würde. Dass man manchmal mutig sein und etwas riskieren muss, damit man sich hinterher nicht über vertane Gelegenheiten ärgert. Dass sich Dinge ändern. Dass sich Menschen ändern. Dass man selbst sich ändert. Dass man niemandem einen solchen Abschied wünscht, dass es aber trotzdem immer weitergeht. Anders zwar, aber weiter. Und dass es okay wird. Vielleicht sogar gut.

„Ich bin alt genug, um zu wissen, dass es was wird. Keine Ahnung, was genau. Aber es wird. Es muss.“

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