Liegen lernen.

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Herzlich willkommen auf dem Boden der Tatsachen. Es hat lange gedauert, bis du hier gelandet bist und dann auch noch so unsanft, durch einen Sturz, durch ein Stolpern, das du nicht abfangen konntest, durch einen Fehltritt, der dir aus Unachtsamkeit passiert ist oder vielleicht auch deswegen, weil du es darauf angelegt hast zu fallen, aus Übermut oder Müdigkeit – die Grenzen sind da manchmal mit dem weichen Bleistift gezeichnet und oft nicht klar zu erkennen, auch nicht für einen selber, weißt du. Aber das ist okay. Es ist eben passiert, du bist jetzt hier, du liegst auf dem Boden und bist sicherlich ein bisschen verwirrt, das Aufkommen tat vermutlich auch ein wenig weh und das wird es auch noch eine kleine Zeit lang, aber es ist in Ordnung, du wirst schon noch sehen. Du bist lange genug gelaufen – es ist an der Zeit, durchzuatmen.

Du wusstest am Anfang ja noch nicht mal, ob das ein Sprint oder ein Dauerlauf werden würde, du wusstest es nicht, du hattest ja nichts dabei als du losgelaufen bist, schau dich an, du trägst weder die richtigen Schuhe noch die richtigen Klamotten dafür, und wer kann es dir verübeln, das war ja nicht geplant, du hast irgendwann einfach damit angefangen, du dachtest, du hättest einen Startschuss gehört und ein Signal bekommen und dann bist du eben auf und davon, erst langsam, dann zügiger, dann schneller und schneller. Forrest Gump könnte sich von dir noch eine Scheibe abschneiden, so viel steht fest. (Chapeau, Girl.)

Und jetzt bist du hier. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten bist du so etwas wie angekommen. Natürlich nicht da, wo du dachtest, dass du ankommen würdest oder wo du hofftest, anzukommen. Aber angekommen, das bist du. So viel steht fest. Das kann dir erst mal keiner nehmen. Und ja, natürlich – das ist gerade kein Trost für dich. Und ja, natürlich – du hast nicht darum gebeten, hier zu sein und du wärst es am liebsten nicht. Das geht den meisten so, aber – es lässt sich nicht mehr ändern. Und wenn du ein bisschen länger darüber nachdenkst, wenn du dich erstmal nicht mehr übermannen lässt von irgendwelchen Sentimentalitäten, dann wirst du erkennen, dass  diese Zwangspause hier auf dem Boden der Tatsachen auch etwas Gutes hat, für dich.

Schau doch – das erste Mal seit langem musst du dir keine Gedanken mehr darüber machen, ob dir jemand im Nacken sitzt, ob du noch einen Zahn zulegen oder das Tempo steigern und besonders schnell und besonders gut sein musst. Hier unten gibt es nämlich erst mal nur dich. Dich ganz alleine. Und das genügt. Das reicht vollkommen.

Das erste Mal seit langem musst du dir auch keine Gedanken mehr über die Ziellinie machen oder dich wieder und wieder fragen, ob sie am Ende des nächsten Horizonts auf dich wartet oder am Ende des übernächsten oder des überübernächsten – und Gott weiß, du hast eine Menge Horizonte gesehen, erreicht und passiert, ohne, dass der Lauf damit beendet gewesen wäre und ohne, dass man dich mit einem Lorbeerkranz oder einer Medaille in Empfang genommen hätte, nicht wahr? Natürlich.

Das erste Mal seit langem kannst du einatmen, ausatmen, durchatmen und aufatmen. Du kannst zurückschauen auf die Strecke, die du bereits zurückgelegt hast und du kannst für dich selbst entscheiden, im Rückblick, ob sich das Rennen gelohnt hat. Denn weißt du – wer immerzu nur läuft und spurtet, monatelang, der vergisst irgendwann, weswegen er eigentlich damit angefangen hat. War es ein Lauf vor jemandem weg, neben oder hinter jemandem her oder auf jemanden zu? Jetzt, hier, wirst du das für dich bewerten können. Und das wirst du auch müssen. Früher oder später. Und dann doch lieber früher als später, oder nicht? Du willst ja schließlich nicht ewig hier liegen bleiben. Nein, wirklich nicht.

Aber wer liegt, muss sich vor dem Aufstehen erst wieder sortieren und sammeln. Das klingt ein wenig lästig, ist aber auch eine Chance. Und vielleicht ist es auch notwendig, dass das alles ein wenig dauert. Nicht zu lang, aber ein bisschen. Vielleicht muss man sich die Beschaffenheit des Bodens, auf den man gefallen ist, besonders genau und aus nächster Nähe einprägen, um einen weiteren Sturz zu vermeiden. Vielleicht erkennt man von hier unten aus noch am ehesten, warum man überhaupt ins Staucheln kam, vielleicht erkennt man aus tiefster Bodennähe leichter, ob es an einem selber lag oder am Untergrund oder an einer Mischung aus beidem und vielleicht erkennt man von hier aus auch am besten, wo der Lauf irgendwann mal hinführen sollte, ob man das überhaupt wusste, ob da was in Aussicht stand oder ob man sich einfach nur hat mitreißen lassen, ganz impulsiv. Vielleicht war es auch ein wenig von allem. Wann sind die Dinge auch jemals wirklich nur schwarz-weiß?

Irgendwann, in naher Zukunft, das kann ich dir versprechen, wirst du wissen, was passiert ist, warum du gerade hier liegst, wo du hergekommen bist und wo du hinwolltest. Und vor allem wirst du wissen, wo du jetzt, nach dieser ungemütlichen Landung, wieder hinwillst. Du wirst wieder aufstehen und dir den Dreck von den Beinen klopfen, du wirst die Löcher in der Hose flicken, die der Sturz verursacht hat und du wirst ein Pflaster auf die aufgeschürften Hände und Knie kleben. Du wirst aufstehen und du wirst wieder gehen und rennen und springen und vielleicht sogar tanzen und das wäre sogar viel wünschenswerter, denn – den wirklich guten Sachen muss man eigentlich gar nicht angestrengt nachlaufen, sie kommen einem immer auch ein Stückchen entgegen. Alles wird wieder ganz leicht sein und wie von selbst klappen, bald, und du wirst dann auch die helfenden Hände nehmen, die dir gerade von allen Seiten gereicht werden und mit denen du im Moment nichts anzufangen weißt. (Du Dummerchen.) Du wirst das alles machen und es wird alles gut werden – aber noch nicht jetzt. Nicht ganz.

Jetzt musst du erst mal Liegen lernen.

2 Gedanken zu “Liegen lernen.

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