Safety first.

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Hey. Ich bin J. und das ist mein Blog. Ich schreibe hier seit bald drei Jahren – das ist eine verdammt lange Zeit angesichts dessen, dass ich das eigentlich „nur mal so“ ausprobieren wollte. In fast drei jahren Bloggerei sammelt sich eine Menge an Texten an – Perlen und Schutt und jede Menge dazwischen, Gutes, Schlechtes und viel Mittelmaß, Texte über Schönes und über weniger Schönes, alles und nichts. Ich war schon immer jemand, der Sachen besser aufschreiben als ausspechen konnte. Das ist eben so. Ich bin eben so. Und das ist auch okay. Ich war schon immer jemand, und das habe ich in ziemlich genau der gleichen Formulierung auch schon in einem anderen Blogpost geschrieben, der sich in einem Text leichter aus- als im wirklichen Leben vor anderen umziehen kann, ich war schon immer jemand, der auf dem Papier blank gezogen hat, auch wenn letztlich nie alles gezeigt, nie alles gesagt wurde (so unglaublich das manchmal auch erscheint: ich kenne meine Grenzen und die Grenzen dessen, was man hier machen kann oder könnte oder darf oder sollte durchaus – oder jedenfalls glaube ich das), ich war schon immer jemand, dem es nichts ausmachte, dass andere tief blicken konnten – oder vielleicht war ich schon immer jemand, dem das zwar nicht nichts ausmacht, aber nicht so viel.

Aber.

Irgendwann erreicht man einen Punkt – und dieser Punkt befindet sich meistens unten, weit unten, ganz tief unten, so tief, wie man eigentlich nie gehen, eigentlich nie gucken wollte, weder in sich noch in andere -, man erreicht einen Punkt, an dem man merkt, dass man mit Worten (im besten Fall) nicht nur andere Leute berührt, sondern auch berührt werden kann, dass die Angriffsfläche dieselbe ist, egal, ob man virtuell oder tatsächlich die Hosen runter lässt, dass man seine Schwächen nach außen trägt, für alle sichtbar. Man läuft durch die Welt mit einer offenen Wunde und man hat sie abgedeckt mit Seidenpapier. Man sieht sie nicht ganz, nicht in all ihren Einzelheiten, nicht in ihrer Tiefe oder in ihrer Beschaffenheit, man kann nicht sehen, wodurch sie verursacht wurde und ob sie an den Rändern schon abgeheilt ist oder vielleicht sogar schon bis zur Mitte hin oder ob sie noch ganz frisch ist oder schon tausendmal wieder aufgerissen, man kann das alles bestenfalls erahnen, aber: sehen, dass sie da ist, das kann man, ohne Frage. Und das kann etwas beinahe Schönes haben, vielleicht hat das eine gewisse Tragik oder Dramatik, vielleicht macht das ordentlich was her, vielleicht steht einem das gut zu Gesicht, so eine latente (oder eben auch gar nicht mal so latente) Form von Verwundbarkeit, die unter allem liegt und wabert, die einen jeden Schritt besonders vorsichtig ausführen lässt, vielleicht ist das so.

Aber.

Jeder, der will, weiß, wo er dich treffen kann, wo er dich treffen muss, um dich runterzuziehen, um es schlimmer zu machen. Und es gibt immer Leute, die stochern, es gibt immer Leute, die pieksen, es gibt immer Leute, die schubsen – und das vielleicht gar nicht mal mit Absicht. Diese Erkenntnis ist nicht neu, keinesfalls. Dass diese Möglichkeit besteht war schon immer klar, bloß war es mir bis zu diesem besagten Punkt eigentlich immer egal. Weil ich weiß, was ich hier mache (meistens jedenfalls). Weil ich – und das ist mir gerade in letzter Zeit wieder aufgefallen, da es ein paar Klicks auf ein paar sehr, sehr alte Blogbeitäge gab, die ich im Zuge dessen ebenfalls nochmal gelesen habe und, bei allem Kopfschütteln und Seufzen und Schmunzeln, das sich mittlerweile zum Glück auch eingestellt hat, tatsächlich heute noch fast genauso schreiben könnte (könnte, nicht unbedingt würde) – zu dem stehe, was hier steht. Weil ich das war oder bin. Weil ich das so gesehen habe oder sehe. Weil das so gefühlt habe – oder noch immer fühle.

Aber.

Man muss es sich selbst nicht schwerer machen, als es eigentlich ist. Man muss sich selbst nicht leichter aus der Bahn werfen lassen, als man eh schon geworfen werden kann. Man kann ein paar Schubser vertragen, das geht, man kann überlegen, ob man zu stärkerem Papier greift und man kann sich drehen und wenden und sich von einer anderen Seite zeigen, das ist machbar, das funktioniert, natürlich funktioniert das, man ist ja mehr als diese Wunde, die man trägt, da ist ja noch was anderes, da ist ja noch so, so viel mehr, da gibt es ja noch viel Schöneres, was man sehen und zeigen kann, so ist das nämlich. Und darauf muss ich in nächster Zeit ein wenig achten, weil ich gemerkt habe, dass das Seidenpapier nicht mehr reicht, dass das so nicht geht, dass man zu viel sieht, dass hier – und das ist in einem persönlichen Blog natürlich das, worum es geht und was es spannend, aber gleichzeitig auch ein bisschen schwierig macht – zu viel von mir steckt, weil ich das nicht gut kann, Fiktion, weil ich das nicht beherrsche, weil mir das keiner abkauft, nicht nach fast drei Jahren, wenn ich sage: „Da geht es nicht um mich, das meine ich ganz allgemein. Ich tue nur so, als ob. Ich versetze mich in die Lage von. Ich habe nur laut gedacht.“ Ich sehe nur, dass ich hier sitze und dass das Jahr gerade mal ein bisschen mehr als zwei Wochen alt ist, kaum viel mehr als vierzehn Tage, und dass ich bereits drei Texte im Entwürfe-Ordner liegen habe, die Minimücken in mutierte Superelefanten verwandeln, die zeigen, dass ich gerade nicht nur dünnhäutig, sondern vollkommen hautlos zu sein scheine, die zeigen, dass ich mir vermutlich in die Tasche gelogen habe mit den guten Vorsätzen, mal wieder, so, wie ich das schon seit Jahren mache, die zeigen, dass ich das nicht kann, noch immer nicht oder nicht mehr oder noch viel weniger als vorher. Und deswegen muss jetzt eine Rüstung her. Nichts Strahlendes aus Metall, das würde nicht passen, nichts zu Schweres, denn das kann ich nicht stemmen, so bin ich auch nicht, aber vielleicht wenigstens so etwas wie ein fester Verband, irgendwas, das ein bisschen mehr Substanz hat, irgendwas Blickdichtes, weil es vermutlich das ist, was ich gerade brauche, weil das nach fast drei Jahren jetzt vielleicht einfach mal notwendig ist, weil manches nur geschützt verheilt, wenn man es nicht anrührt und weil das so vermutlich auch okay ist.

Deswegen, ab jetzt: Weniger wortgemachte Seidenpapierwunden und mehr von dem übrigen Jott. Das könnte ja vielleicht auch ganz lesenswert sein. Vielleicht wird es hier aber auch einfach eine zeitlang sehr still, wenn man mal von den Wochenrückblicken absieht. Oder vielleicht halte ich das auch gar nicht lange aus mit dem Verband. Vielleicht ist das so. Das müssen wir jetzt einfach mal herausfinden.

5 Gedanken zu “Safety first.

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