Ein Wunderwerk vollbracht.

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Du stehst am Hafenrand und fühlst dich gut dabei. Du bist in Flensburg, der nördlichsten Stadt Deutschlands. Es ist bitter kalt und verschneit, aber das macht nichts, du fühlst dich seltsam warm, von innen. Du bist zuhause, aber nicht bei dir, sondern bei einer der Bands, von denen du am Anfang eures Kennenlernens nie und nimmer gedacht hättest, dass du für sie weite Strecken zurücklegen und bis hierhin fahren würdest. Und doch ist es genauso gekommen und niemand hätte das vermutet, am wenigsten du selber. Aber jetzt bist du da. Und alles passt. Naja, fast.

Die Fahrt hierher war anstrengend. Zu früh, viel zu früh musstest ihr das warme Bett verlassen und euch ins Auto setzen, du und deine Freundin. Zum Glück warst du nur Beifahrer, zu viele Kilometer mussten gefahren werden, bei zu viel Schnee und Nebel, einen Zwischenhalt musstet ihr auf dem Weg nach Norden einlegen, um euer drittes Mädel mit an Bord zu holen, aber der Schnee, der blieb, auch wenn da  immer wieder auch Sonne war, immer auch ein aufgerissener Himmel, der etwas Blau durchgelassen hat. Als der Name der Stadt, Flensburg, sich langsam auf den Autobahnschildern zeigte, fühltest du dieses Kribbeln, dieses etwas nervöse Kribbeln, das du immer bekommst, wenn du merkst, dass das gerade der Beginn etwas Großen, Tollen sein könnte. Könnte.

Und was, wenn nicht? Du merkst, wie hoch deine Erwartungen sind. An dich, die Stadt, die Band. Uff. Wer soll das alles nur tragen, diese Last der Erwartungen, wer soll sie erfüllen können? Und wenn du schon so viel erwartest und abwägst, was überhaupt geht und was nicht, wie geht es dann erst den anderen, der Band? Können die überhaupt in Ruhe den Kapitänsweg am Hafen entlang laufen und über die Rote Straße bummeln, wenn sie wissen, dass ein doppeltes Heimspiel ansteht?

Zuhause. Heimat. Wird es da leichter für einen oder schwieriger? Einerseits ist da dieser Schonraum. Man kennt sich aus, kennt alles wie seine Westentasche, kennt jeden Winkel des Clubs, jede Macke, jeden Vorzug, kennt valle Leute, die vor einem stehen werden, oder jedenfalls den Großteil davon, weiß, dass man Rückendeckung bekommen wird, von Freunden und Familie. Andererseits sind die Leute, die einen schon länger kennen oft auch direkter, jedes Unwohlsein wird doch sofort identifiziert, jede Negativität erkannt, was gut ist, einerseits, denn Kritik bringt einen voran, so sagt man doch, und beschönigen will ja keiner was, aber schlechte Sachen hören mag man doch auch nicht, nicht unbedingt von den Menschen, an denen einem was liegt und die einen langen nicht gesehen haben und die man nicht enttäuschen will.

In anderen Städten, da kann man spielen, da kann kommen, was kommen mag, entweder es läuft gut und man freut sich, dass alles funktioniert hat und zieht ein Wiedersehen in Betracht, oder es wird schlecht, aber dann kann es noch immer an der Fremde gelegen haben, an dieser einen Macke, die dieser seltsame Club hat, der entweder zu groß oder zu klein für einen war, es kann an der schlechten Akustik gelegen haben, am veralteten Mischpult oder am komischen Licht, das die Leute fremdeln und sich nicht gehen lassen ließ, und überhaupt, es kann ja auch an dem seltsamen Publikum gelegen haben, das so ganz anders war als in den Städten zuvor und einfach eine andere Auffassung hatte davon, wie das, was man macht, zu verstehen ist oder zu verstehen sein könnte. Wenn es schlecht läuft, dann kann man es einfach auch darauf schieben und man bekommt in der nächsten Stadt eine neue Chance mit neuen Leuten in einem neuen Club, der vielleicht nicht so eine Macke hat und keine so schlechte Akustik und kein altes Mischpult und tolles Licht, dass die Leute alle Hemmungen verlieren lässt, Licht, das einen Darkroom schafft, gefüllt mit Feierwütigen, die alles um sich herum vergessen und eins werden, mit sich und mit der Musik.

Aber nicht so zuhause. Fremdeln zählt hier nicht, ist keine Option. Man kennt sich. Gut. Zu gut? Zu gut, um zu Kunstgriffen zu greifen, zu gut eigentlich für Entertainer-Gesten, zu gut, um eine Maske zu tragen, oder jedenfalls zu gut, um diese erfolgreich zu tragen, denn selbst, wenn sie einen Teil des Gesichts verdeckt halten kann, so bröckelt sie doch an anderer Stelle, falls sie nicht irgendwann, spätestens nach dem Konzert, ohnehin fällt, weil sie fallen muss, weil sie nicht passt, nicht hierhin, nicht nach Hause. Authentizität wird verlangt. Echtheit. Wahrheit. So muss das doch sein, oder nicht?

Und solche Gedanken machst du dir, für andere, über andere, von anderen. Natürlich denkst du hier zu weit, zu breit und zu tief, was für ein Quatsch, denkst du, es ist bei ihnen zuhause, natürlich wird alles gut gehen und natürlich wird alles toll, das Fest der Feste, die Leute sind wegen ihnen hier, weil sie von hier kommen, weil sie ihnen was bedeuten und umgekehrt und weil dieser Ort eben doch nicht so ganz dem Sterben nah ist, sondern lebt und belebt und gelebt wird.

Und so wischt du sie beiseite, die Gedanken daran, dass das hier auch scheitern und auch nur ein Konzert wie jedes andere sein könnte, dass das hier auch eines der schlechteren Konzerte werden könnte, weil du denkst, dass es kaum „Eindringlinge“ wie dich geben wird in diesem Schonraum, dass der Anteil derer, die nicht von hier sind, nicht schon lange Teil des Ganzen sind, so verschwindend gering sein wird, dass er gar nicht auffallen wird, in der Euphorie, im Taumel, in der Freude ums Wiedersehen und Wiederhören und dass das alles schon passen wird, ihr werdet gar nicht auffallen, ihr, die ihr von weit, weit weg hergekommen seid.

Verrückt, wenn du darüber länger nachdenkst, wer macht sowas schon und wofür? Und dann fällt dir ein, dass dein Herz irgendwie an ihnen hängt und an der Musik und dass dir dieses Touren auch einfach Spaß macht, denn du hast ja sonst nichts, auch wenn das jetzt ganz furchtbar melodramatisch klingt und so natürlich nicht stimmt, aber was ist denn da, in dieser anderen Welt, das auf dich wartet? Arbeit und Lernen, Lernen und Arbeit, sehr viel mehr ist da doch nicht, da braucht man doch auch einfach mal eine Auszeit von, das kann doch nicht alles sein, das muss man doch auch mal vergessen können und dürfen, abschalten, ausschalten, wegschieben, für einen Augenblick oder für mehrere und ja, dass muss doch genügen, als Rechtfertigung dafür, öfter als vermeintlich normale Menschen auf diese Konzerte zu gehen, zu immer der gleichen Band und immer den gleichen Songs. Aber, rechtfertigen, musst du dich das überhaupt?

Wieder kreisen deine Gedanken, mal zu tief, mal zu hoch, doch immer wieder mal schwirren sie dir vor der Nase herum und sind kaum zu ignorieren. Dann schiebst du sie schließlich doch irgendwie hinfort, die Gedanken, denn du bist nicht hier, um dir über diese andere Welt einen Kopf zu machen, sie liegt weit weg von dir, versunken im Schnee, hunderte von Kilometern von hier entfernt und dort geht alles seinen normalen Lauf, auch ohne dich, die du hier bist, wo alles alles andere als normal ist, für dich jedenfalls, für die anderen Leute hier natürlich nicht, denn für die ist das hier ja das Normale, das ist ja alles immer eine Frage der Perspektive. Und vermutlich wissen sie gar nicht, wie toll man das hier alles finden kann, dieses für sie so Gewöhnliche, die kleinen Häuser, an denen sie jeden Tag vorbei gehen, die kleinen Straßen und der Weihnachtsmarkt, über den die Leute hier genauso schnaufen, wie wir über unseren, ist doch jedes Jahr das gleiche, zu piefig, zu viele Fressbuden, und überhaupt, es war doch irgendwann mal alles besser und schöner, aber dir, dir gefällt es hier, es ist so herrlich unaufgeregt und überschaubar, kein Vergleich zu dem Trubel bei dir.

Und dann denkst du natürlich an den Hafen, der da ist und da war und weiterhin sein wird, jeden Tag und immer, wenn man aufwacht und die paar Schritte durch den schmatzenden und knartschenden Schnee stapft. Aber der Hafen, vor allem der Hafen, denkst du, ist doch das Großartigste hier, und das Meer, das hier mündet, gefangen für einen Augenblick und doch der Freiheit so nah, und so tief und so blau und so anziehend. Das Meer, das du lange, zu lange eigentlich, nicht gesehen hast, ihr seid euch das letzte Mal sicherlich vor einem guten Jahrzehnt so nahe gewesen, damals aber war es anders, es war wärmer, Sommer, Plusgrade, und nun frieren dir die Finger ein, denn du hast deine Handschuhe abgestreift, um ein paar Fotos zu schießen, von ihm, dem Meer, um es festzuhalten, einzupacken, diese Momente, die gemeinsamen, die ihr hier gerade verbringt, die zeitlich begrenzt sind, deren Endlichkeit dir so schrecklich bewusst sind, genauso wie deine eigene, als du hier stehst, du so klein und das Meer so groß und dabei ist das alles hier nur ein Teil davon, und deine Hände zittern etwas leicht, als du die Kamera hältst und den Auslöser drückst und du hoffst, dass du diesen Moment trotz des Zitterns gut eingepackt hast, dass du ihn wiedererkennst, wenn du ihn wieder vor dir liegen hast und ihn auspackst, wenn der Film seinen Weg über das Fotolabor wieder zurück in deine Hände gefunden hat und du alles sorgfältig in eine Kiste verschließen kannst, so wie du diese Tage in dein Herzchen schließt, als gute Tage, als Tage, die sich gelohnt haben, die herausstechen aus den anderen Tagen, für dich, weil für dich alles fremd und spannend ist.

Gute Tage. Und sie haben ja gerade erst begonnen, denn viel spannender ist ja eigentlich der Abend, die Nacht, wenn es dunkel wird und der Club ruft, ein Club, den du noch nicht kennst, von dem du nicht weißt, was dich erwartet, von dem du keine Vorstellung hast, dir aber doch eine machst, den du dir groß vorstellst, ausverkauft, natürlich, denn es ist ja zuhause, da werden sie doch kommen, alle, Familie, Freunde, Bekannte, auch die, die man nur flüchtig kennt oder lieber nicht kennen wollen würde, die aber trotzdem schauen wollen, schauen, was man so getrieben hat, was man so macht jetzt.

Du machst dich mit deinen Freundinnen auf den Weg durch die Stadt, vorbei an den Punschständen und selber auch schon ein wenig am Wanken, weil du doch so selten trinkst, diese zwei Biere dich aber so angelächelt haben und es ja irgendwie auch ein guter Moment war, sie zu trinken, es gibt doch was zu Feiern, Musik, Freunde, das Wochenende, und im Zweifelsfall das Leben an sich, da darf man auch mal 2 Biere trinken und etwas wanken und lustiger sein, auch, wenn man gerade eine Straße entlang geht, in der Frauen hinter den Fensterscheiben sitzen, rot beleuchtet. Das ist ja auch irgendwie zum Lachen, dass ausgerechnet diese Rotlichstraße die Zwischenwelt, das Bindeglied sein soll zwischen der normalen Stadt und dem Hafen und dem Ort, an den du dich begeben wirst. Und dann siehst du ihn auch schon vor dir liegen, den Hafen, in der Dunkelheit, das Meer glattgestrichen, gehst durch den Schnee, deine Oberschenkel schmerzen vor Kälte, du siehst deinen Atem in kleinen Wölkchen aufsteigen, etwas Wärme spenden in dieser kalten Nacht, du gehst und gehst und gehst und kommst irgendwann an, ein Haus wie ein Karton, aber ein ordentlicher Karton, kleiner, als vermutet, viel kleiner, und wenige Menschen davor. Aber gut, ihr seid püntklich, überpünktlich, ein wenig, und hier kennen sich doch alle aus und kommen von hier, was müssen die denn dann auch so früh losgehen, da gibt es doch keinen Grund zu, alles so, wie es sein sollte, vermutest du, und irgendwann geht die Tür auf und es wird wärmer und du holst dein Ticket ab, schwarz-gold, mit der zerbrochenen Krone, die du dieses Jahr schon so oft gesehen hast und die du dir noch immer gerne ansiehst.

Du gibst deine Jacke ab und schaust dich um, bist erstaunt über die Kleinheit des Ganzen und irgendwie dann doch auch nicht, Flensburg, denkst du dir, natürlich, das musste doch gemütlich werden und klein, wieso hast du eigentlich vermutet, es wäre ein großer Club? Du freust dich, denn so klein war vermutlich keines deiner bisherigen Konzerte bei ihnen, vielleicht das eine, 2007 im Zwischenfall, es war auch November, das weißt du noch, das könnte sogar noch kleiner gewesen sein, aber damals war es dein erstes Mal, du kanntest sie noch nicht, kanntest die Musik nicht, du wolltest einfach nur mal gucken, was dich so erwartet, du warst mit deinen Brüdern da, mit beiden, es war ein guter Abend, das weißt du noch, aber seitdem ist viel Zeit vergangen und du hast sie besser kennen gelernt, die Staatsmusik, es war keine Liebe auf’s erste Hören, es hat Mühe gekostet und etwas Überwindung, aber so ist das, nicht jede Freundschaft ist kampflos und ohne Reibereien zu erlangen oder aufrecht zu erhalten und jetzt bist du ja auch hier, angekommen, zuhause bei ihnen, gut Freund mit ihrer Musik, du willst sie gar nicht mehr missen. Wer hätte das damals gedacht.

Und während du hier stehst und wartest, nicht alleine, natürlich, du bist ja hier mit deinen Freundinnen, denen vermutlich gerade ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen, werden es nach und nach mehr Leute, der Club füllt sich, trotzdem müsst ihr warten, warten, bis es losgeht und als es dann losgeht, stehst du schon wieder da, wo du sonst auch stehst, auf der linken Seite, stage right, weil es einfach die beste Seite ist, unabhängig von der Band, die gerade spielt, das durftest du dieses Jahr schon vermehrt feststellen. Irgendwie stehen die besten Leute links, das kann man durchaus auch politisch auffassen, denkst du dir, klar, links ist besser, in der Mitte geht am meisten und rechts, da will doch eigentlich keiner stehen, aber das ist jetzt auf das Konzert bezogen doch zu politisch interpretiert, natürlich möchten auf Konzerten auch rechts Leute stehen, der Vergleich hinkt, und das nicht zu knapp, die rechte Seite ist hier ja auch durchaus schön anzusehen und anzuhören, ohne Frage, aber dein Herz schlägt links und deine Beine möchten hier den Abend verbringen und Wurzeln schlagen.

Die Vorband, Matula, kennst du bereits aus Düsseldorf, eigentlich warst du nicht sehr begeistert von ihnen, damals, denn du konntest noch nicht einmal ausmachen, ob sie deutsch oder englisch oder in einer Fantasiesprache sangen, heute aber ist das besser, es gefällt dir besser, vielleicht trägt der Alkohol einen kleinen Teil dazu bei. Kann man sich Sachen auch schön hören?, fragst du dich, und dann denkst du, dass vermutlich vielmehr die Vorfreude auf das Danach dir alles so toll erscheinen lässt und irgendwann geht es auch los mit dem Umbau auf der Bühne und es ist doch sehr voll geworden, ausverkauft aber wohl nicht, komisch, denkst du dir, zuhause und nicht ausverkauft, vielleicht müssen doch zu viele Leute arbeiten am nächsten Tag und morgen ist ja auch ein neuer Abend, ein weiterer, zweite Chance, was man kennt muss man ja nicht immer ohne Unterlass sehen, das leuchtet ein, und die Verrückten wie du, die einfach mal in den Norden fahren, die schaffen es vielleicht auch eher zu dem Samstagstermin und nicht zu dem Freitag, dazu dann noch erschwerend der Schnee und Stau, und ach, es könnte ja so viele Gründe geben und irgendwie sind sie alle eins und alle unwichtig, denn dir ist egal, wer hinter dir steht und in welcher Anzahl, du weißt genau, wer neben dir steht, tolle Menschen, die dich verstehen und das hier mit dir durchziehen, und du weißt auch, wer gleich vor dir stehen wird, was kümmern dich also die Leute hinter dir, sie sind egal, du bist die Party, ihr seid die Party, ihr seid links, vorne links, nicht ganz vorne, das ist dir dann doch irgendwie unangenehm, so gerne du auch hier bist, du fühlst dich da immer so beobachtet und obwohl du dir sicher bist, dass dich keiner kennt oder erkennt wiegst du dich lieber in der Sicherheit des Hintergrunds oder des hinteren Vordergrunds, wie auch immer, nicht ganz vorne jedenfalls, nur ein bisschen, weit genug, um sehen zu können, das muss genügen, so klein bist du schließlich dann auch nicht und es ist ja auch kein Kinofilm, sondern ein Konzert, bewegen muss drin sein und wenn die Sicht zwischendurch verloren geht, dann ist das kein Weltuntergang.

Und irgendwann wird es dann leiser und du wartest auf das Intro, doch es kommt nicht, keine Kunstgriffe, denkst du dir, nicht zuhause, das ist okay, kein Tamtam, echt sein, nah sein, wahr sein, das passt, auf das Intro kannst du verzichten, und nachdem der Schritt auf die Bühne getan ist, und viel mehr als einen Schritt braucht es heute auch nicht, denn sie ist niedrig, diese Bühne, diese kleine Bühne in diesem kleinen Club, jedenfalls nachdem dieser Schritt getan ist, geht es los, so wie du es kennst, mit den ersten „Insel“-Takten, und du freust dich, denn gleich wird es kommen, aus allen Kehlen, HUSUM, VERDAMMT! Und du freust dich und deine Freundinnen freuen sich und die Band freut sich, kann es denn toller sein? Und man wiegt sich im Takt oder zumindest versucht man es, gelegentlich schaut man etwas genervt auf die Leute vor einem, die sich nicht bewegen, die fehl am Platz scheinen. Bin ich auch so?, fragst du dich, egal, du feierst, du singst mit, bewegst dich, nicht zu sehr, du warst noch nie einer dieser Abgeher, aber genug, du tanzt, so gut es dein Rhythmusgefühl zulässt, sofern man bei dir davon sprechen kann, und du freust dich, vor allem freust du dich, dass Herr Windmeier das Marschieren nicht verlernt hat und das Schreien, ach, wie du dich freust, das zu sehen, zuhause!

Und doch bleibt da dieser letzte Funke Wahrnehmung des Drumherums, das nicht passt, da steht dieser Typ auf einmal, auf der kleinen Bühne, und anstatt nach den Händen der anderen im Publikum zu verlangen, um durch den Raum getragen zu werden, säuselt er Jan etwas ins Ohr, und Jan, ins Mikro, sagt, es gebe hier keine Nazis, er würde so oft hier hingehen, das käme wirklich selten vor, und wir, wir sollte es ihm, dem Typen beweisen, und dieser geht wieder runter von der Bühne und wir schauen uns fragend an und um und ziehen die Schultern hoch und denken noch, was sollte denn das?, machen uns keine weiteren Gedanken, sondern feiern weiter, Lied für Lied, aber die Leute… Du kannst es nicht festmachen, du findest es komisch. Ist das der Norden?, fragst du dich, sind die hier einfach so, war da nicht anderswo mehr, war das nicht intensiver, liegt das an dir, an den minus 8 Grad draußen vor der Tür oder was ist hier eigentlich los? Dann wieder dieser Typ, dieser seltsame Typ, was will der eigentlich? Und die Band, genervt, aber bemüht, was sollen sie auch machen? Und Rotze fasst sich ein Herz und ein Mikro und spricht den Typen an, direkt, wie unverschämt es sei, allen hier den Abend zu versauen und wie sehr er ihm auf den Senkel gehe, und der Typ versteht die Welt nicht oder tut zumindest so, steht auf einmal am Bühnenrand, während des Songs, bis die Sicherheitsmenschen kommen, kommen, um ihn zu holen, von der Bühne zu komplementieren, und der Staat spielt weiter, zu Ende, aber die Stimmung ist geknickt, die Zugaben gequält. Versuche, es in Worte zu fassen, kommen von Jan: Schade, dass ein Mensch allein es schaffen kann, allen anderen den Abend zu vermiesen. Trotzdem tapferes Durchhalten. Weiterspielen. Abliefern. Aber sich verstecken geht nicht, gute Lauen vortäuschen, wo keine mehr ist auch nicht.

Das Konzert geht vorüber, Applaus brandet auf und ebbt ab, das war er also, der erste Abend. Wie seltsam, denkst du, alles verläuft sich sehr schnell, die Musik leise, feiert denn einer mehr, fragst du dich, bleiben die Tanzschuhe ungenutzt? Sie bleiben es und ihr geht bald nach Hause und ihr redet viel auf dem Heimweg, über den Typen und das Publikum und den Laden und die Eindrücke, die ihr gesammelt habt, und komisch fandet ihr es alle, und der Norden, denkt ihr euch, ist eben doch kalt, kälter, und vielleicht lebt man hier mehr für sich als miteinander und vielleicht taut man schwerer auf, ihr wisst es nicht, doch ihr wisst, dass das besser geht, dass zuhause doch mehr gehen kann und muss, und dass ihr euch mehr gewünscht hättet, nicht nur für euch sondern auch für die Herren. Heimspiel, das will doch was heißen, das ist doch was Besonderes, das kennt ihr doch von anderen Bands, und doch, es kam hier alles anders und zwischen dem Schnee und dem Wind kreisten die Gedanken wie wild: Wenn wir schon so diskutieren, was sagen die anderen dann erst, sagen die da überhaupt was dazu? War die Last des Heimspiels zu groß oder der Typ vorhin einfach nur oll? Braucht man erstmal einen Tag, um sich einzuspielen? Vielleicht das, ja, bestimmt, und macht es dieser Zwischenfall nun leichter, den folgenden Tag zu spielen oder schwieriger? Steigt der Druck, weil man fürchtet, die selben Leute wieder da stehen zu haben mit der selben Stimmung oder denkt man, schlimmer kann es nicht werden?

Die Band schreibt später, dass es noch Platz nach oben gibt, diplomatisch findest du das, und das stimmt, nach oben gibt es noch Platz, und nach links und nach rechts, du wirst wieder dabei sein, natürlich, wenn schon, denn schon, neuer Tag, neues Glück, neue Chance. Du bist gespannt, ob und wie sie daran wachsen werden, und überhaupt, abgesehen von diesem seltsamen Typen und der komischen Stimmung war das Konzert doch gut, solide, du kannst der Band jedenfalls nicht den Vorwurf machen, sie hätten zu wenig Bock gehabt, auf keinen Fall, aber manchmal passt es nicht, manchmal stimmt etwas nicht, vielleicht der Typ, vielleicht die Sternenkonstellation, wer weiß das schon so genau.

Manchmal soll es nicht sein, und irgendwie bist du fast froh, dass dieses Konzert dich ein wenig geerdet hat, den Sockel gebrochen, nicht ganz, aber ein Stück herunter, auf Augenhöhe, so wie Bielefeld. Bielefeld, denkst du, ja, da war ja was, dieses Konzert, bei dem auch alles komisch und nicht richtig warm war, sondern seltsam, wo es nicht passte, auch mit dir nicht, jetzt also nochmal, sowas kann auch zuhause passieren, klar, es gibt ja auch genug Leute, die einen danach auffangen, das ist kein Weltuntergang, aber ein Stimmungsdrücker, man hätte ihnen was anderes gewünscht, Euphorie und Glückseligkeit und das wohlige Gefühl von Heimeligkeit und Willkommensein zum Auftakt hier, stattdessen das, denkst du, so kann es gehen. Aber geerdet hat es, auf den Boden geholt, es sind normale Leute, das weißt du ja ohnehin schon, diese Distanz zwischen Fan und Musiker, die war hier nie wirklich groß, das magst du, alles so ehrlich und nah und klein, das schätzt du wie kaum etwas Zweites, man kann die Dankbarkeit und Fassunglsosigkeit für bare Münze nehmen und in andere Richtung gilt das auch für Enttäuschung und Frust.

Du siehst es positiv, so wie du fast immer dazu neigst, alles positiv zu sehen, es kann nur besser werden, und das wird es sicherlich, ist doch gut, dass du auch mal ein seltsameres Konzert hattest, du hast das ja eh schon alles skeptisch gesehen, dem Braten nicht getraut und deiner eigenen Euphorie, dauernd, immer besser und besser und besser, das ist doch nicht normal, irgendwas stimmt mit deiner Wahrnehmung nicht, dachtest du, du kannst das doch nicht alles immer so großartig finden, und doch. Jetzt also alles anders. Aber für morgen, alles auf Null und Anlauf nehmen, Anlauf für einen neuen Versuch. Erwartungen runterschrauben, Daumen drücken, das Beste hoffen.

Am nächsten Abend wieder der kleine Club, dieses Mal aber schon eine erfreuliche Nachricht an der Tür, ausverkauft, der Laden ist voll, an der Abendkasse ist nichts mehr zu machen, das ist doch ein gutes Zeichen, dann haben es wohl doch noch ein paar Verrückte aus anderen Ecken des Landes hier hoch geschafft, jetzt, am Samstag, oder noch ein paar Familienmitglieder und Freunde mehr, es reicht ja auch, wenn man sich das letzte, das allerletzte der beiden Konzerte ansieht, und wieder einmal musst du warten darauf, dass es losgeht, aber das macht nichts, hier drinnen ist es warm, die Körper geben Wärme ab, stehen nah beieinander, du wirst schon fast ein wenig müde, als es loszugehen scheint, auf nach vorne links, wohin auch sonst, es ist ja irgendwie dein Stammplatz und dieses mal ist viel Luft vorne, zu viel fast für deinen Geschmack, du bleibst noch etwas am Rand stehen, als die Vorband anfängt, Vierkanttretlager aus Husum (verdammt nochmal!), und was du hörst gefällt dir und nicht nur dir alleine, sondern auch dem Publikum. Selten hast du die Leute eine Vorband so abfeiern sehen, du überlegst, ob das bei einem anderen Konzert der Tour schon einmal so war, aber dir fällt gerade nichts ein. Vierkanttretlager also, klarer Gesang, typisch nordisch, irgendwie, ein bisschen wie Tomte oder so, das geht ins Ohr, „Du kannst mein Herz nicht brechen, denn es hat keine Knochen“ – wie wahr dir dieser Satz erscheint und wie sehr er nachwirkt in dir, und rings um dich herum verwandelt sich der Club in eine kleine Indie-Disco, auf deren Tanzfläche Mädchen mit langen Haaren und wehenden Kleidchen diese Vorband abfeiern, und Jungs tanzen, die mitsingen können, „Schluss aus, raus, wir schließen!“ Und du staunst über die gute Laune im Publikum, jetzt schon, so ganz anders als gestern, das kann doch nur gut werden.

Irgendwann ist das Set der Vorband beendet und es geht weiter mit dem Umbau und natürlich alles wieder ohne viel Schnickschnack, ohne Intro, du bist gespannt, wartest eigentlich nur darauf, gleich wieder HUSUM zu schreien. Mittlerweile stehst du auch nicht mehr am Rand, sondern zwischen deinen Freundinnen, in der ersten Reihe wäre noch Platz, viel Platz, aber du stehst lieber ein wenig weiter hinten, die Box neben dir zum Abstützen, und schon kommen ein paar andere Mädchen und machen es sich ganz vorne gemütlich, du drehst dich um und siehst lauter Gesichter, einen vollen Laden und dann geht es los. Statt „Insel“ gibt es „Fünfwürstchengriff“, Elektro heute also nicht zu später Stunde, sondern zum Auftakt, du freust dich, dass die Setlist etwas umgeworfen wurde, und die Leute scheinen im Vergleich zu gestern wie ausgewechselt und geben Vollgas, direkt von Anfang an, die Menge wiegt sich im Takt und wie Wellen an Land, so schwappen hier die Körper mal mehr, mal weniger gleichmäßig nach vorne und hinten und zur Seite, biegen und drehen sich im Taumel, lehnen sich auf die Bühne, stützen sich aneinander ab, das klingt unbequem, ist es vielleicht auch, aber auch toll, das hat man irgendwie gehofft, dieses Unbändige, Ungestüme, und du denkst dir, genau das, das ist es doch, so muss das sein, wenn eine Band zuhause spielt und Bock hat, die Leute müssen es auch wollen und mitmachen, so wie jetzt, und die Setlist, fantastisch, wenig Blabla dazwischen, viel Gespiele, hintereinander, alte Sachen, „Trauertränen“, und man sieht der Band die Freude an, darüber, dass heute alles gut läuft, dass sie alles irgendwie im Griff haben und man gönnt es ihnen, das haben sie sich verdient, und ihr hier vorne, ihr tanzt und tanzt und tanzt, so gut ihr könnt, ihr reckt die Finger nach oben oder formt sie in den richtigen Momenten zu kleinen Kreisen, ihr kennt die Einsätze und freut euch, wenn andere sie auch kennen, es ist kein Vergleich zu gestern, und dann „Vormann Leiss“, „ein Wunderwerk vollbracht“, und ja, genau das haben sie heute auch, denkst du, wie unterschiedlich zwei Konzerte der gleichen Band in der gleichen Location an zwei aufeinanderfolgenden Abenden doch sein können, dass man nach einem mittelmäßig verhunzten Abend wie gestern, an dessen Verhunzung man selber noch nicht einmal Schuld getragen hat, so etwas zaubern kann, verrückt und toll, „wir können alles und alles können wir sein“, wie wahr dieser Satz ist und trotzdem so schlicht, wie sehr du ihn magst, diesen Satz und ihn ganz alleine, unabhängig vom Song und der Band, wie er dich begleitet, seitdem du ihn kennst.

Und du kannst dir das Lächeln nicht verkneifen, eigentlich die ganze Zeit schon nicht, denn du siehst die Herren vor dir Grinsen und rechts und hinten am Schlagzeug und vorne am Mikrofon, und manchmal denkst du, sie lächeln zurück, Wunschdenken und Einbildung vielleicht, aber auf Konzerten ist sowas erlaubt, aber dann verteilt Rotze Hand-Stirnküsse an die Dame neben dir, an deine Freundinnen und an dich, und du musst noch mehr Grinsen, als du es eh schon tust. Wie lustig, denkst du dir und für die letzten Songs gebt ihr nochmal alles. Platz nach oben, das war gestern, heute scheint ihr schon unter der Decke zu hängen, weiter nach oben geht es eigentlich nicht mehr, und als alles vorbei ist, bist du fast ein wenig traurig, wie immer, wenn diese guten Konzerte zu Ende gehen, zu schnell, natürlich, viel zu schnell, wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert. Warum bleibt sie nicht noch etwas länger? Sie sollte langsamer fließen, wenn man Spaß hat, viel langsamer, solche Abende sollten dann ewig dauern, aber das tun sie leider nicht, also akzeptiert man, dass es vorbei ist.

Und ihr steht noch hier und da und lungert rum, als plötzlich nochmal Rotze kommt und meint, er wolle sich bedanken, dafür, dass wir so artig mitgemacht haben. Artig? – Artig. – Artig. – Ja, artig, was hast du denn verstanden? – Artig. – Nee, sag mal? – Artig. – BRAV. – Ja, brav! Artig, gibt’s das Wort bei euch nicht? – Doch! Und ihr bedankt euch ebenfalls und reden über gestern und heute und über Flensburg und Sehenswürdigkeiten und man sagt euch, dass man euch durchaus irgendwie erkennen würde, ihr stündet ja immer an der gleichen Stelle, und ob man noch bei anderen Konzerten der Tour wäre und immer in dieser Konstellation, und irgendwie ist es einem unangenehm, erkannt werden, oh weh, das wolltest du ja dann eigentlich auch nicht, du gehst doch bloß so gerne zu den Konzerten, du willst ja nicht, dass das so einen faden Beigeschmack erhält, du wirfst ja keine Schlüpfer auf die Bühne oder kreischt den Namen des Sängers, sowas hast du eh noch nie getan, das war nie deins, aber Rotze beruhigt euch und meint, sie würden sich ja darüber freuen, alles wäre super, du bist natürlich trotzdem etwas ungläubig, aber du nimmst es mal so hin, Und was macht ihr jetzt noch?, fragt er, Jetzt können wir ja Fotos machen, sagt eine Freundin. Oh nein, denkst du, Fotos, wieder so etwas, was du ja eigentlich nicht machst. Du nimmst die Kamera und drückst ab, Rotze und deine Freundin Arm in Arm. Und soll ich jetzt eins von euch machen?, fragt sie, und du druckst herum, mh, ah, ach, du weißt nicht recht, aber die Antwort wird dir abgenommen, Ja klar, oder nicht?, sagt Rotze, die Arme weit geöffnet, Komm, Jenni. Hat er gerade deinen Namen gesagt oder bildest du dir das jetzt ein, fragst du dich, und du weißt es selber nicht genau, du weißt nur, dass ihr euch nicht vorgestellt hattet, nicht in dieser Runde und auch sonst nicht, er hat bestimmt nicht deinen Namen gesagt, das wäre ja albern, die Pferde gehen mit dir durch, aber das Foto macht ihr trotzdem und mit der anderen Freundin auch noch und dann steht ihr wieder da und es kommen ständig Leute, die er kennt, die Sicherheitsmenschen, zu denen er ein paar Worte sagt, und Eike, der nach dem Konzert spärlich bekleidet eine Playback-Performance auf der Bühne abgeliefert hat, und dessen Freundin und die Vorband, und du fragst dich, warum er erzählt und erzählt, obwohl er es nicht müsste, obwohl sich schon Millionen von Chancen ergeben hätten, an dieser Stelle das Gespräch zu beenden und sich zu seinen Leuten zu stellen. Verrückt ist das doch, aber es ist ja nicht so, als würde dich das nicht freuen, was für ein Goldstück von Mann, kommt einfach vorbei und sagt danke, unnötigerweise, und du merkst, was du an dieser Band so schätzt und überhaupt an allen deinen Lieblingsbands, diese Nähe, die da ist, oder da zu sein scheint, obwohl da natürlich trotzdem auch Distanz ist und Distanz hingehört. Und dann verabschiedet man sich, die Hand wird dir gereicht, Die Dame!Der Herr! Doch bei der Hand bleibt es nicht, man wird umarmt, Hat mich gefreut, sagst du, der Bart kratzt an deiner Wange, die anderen werden genauso herzlich verabschiedet und dann steht ihr noch lange so da und könnt es nicht fassen, und ihr setzt euch noch etwas und geht dann irgendwann, der Hunger treibt euch aus dem Club, ihr esst noch ein wenig und dann geht es durch die bittere Kälte ins Hostel, ihr bleibt noch ein wenig wach und wieder redet ihr, aber überwiegend über schönere Dinge als gestern, schönere Gedanken können heute gewälzt werden und irgendwann geht ihr schlafen.

Zu früh werdet ihr geweckt am nächsten Morgen, durch Kindergetrampel, wie du Hostels manchmal doch hasst, und ihr schält euch aus den Federn und macht euch bereit für die Heimreise, Auschecken um 11 Uhr, was für eine Zeit nach so einem Abend, nach so einem Wochenende. Auf zum Auto. Zwischenstopp bei McDonald’s. Nirgendwo sonst hast du die letzten Tage so viel gegessen, du kannst den Burger nicht mehr sehen, aber es warten mehrere Stunden Fahrt auf euch, du sitzt auf der Rückbank, die Straßenkarte auf dem Schoß, du verfällst immer wieder in Sekundenschlaf und döst vor dich hin, dann wird die erste Bekannte rausgelassen, die ihr noch mitgenommen habt, dann Stunden später ein zweiter Halt, wieder ein kleiner Abschied und weiter geht es. Du sitzt jetzt vorne, ihr seid nur noch zu zweit, kein Stau, ihr seid gut durchgekommen bislang, als du in Bochum rausgelassen wirst, hast du ein schlechtes Gewissen, weil deine Freundin noch so viel Fahrt vor sich hat, du bietest ihr an, bei dir zu schlafen, sie lehnt ab, die Arbeit rufe am nächsten Tag, sie melde sich, wenn sie angekommen sei, ihr verabschiedet euch und du stapfst den Weg zu deinem Haus entlang, die Reisetasche rollt unwillig hinter dir her, du schließt auf, das Treppenhaus ist auf einmal so warm, wenn man von draußen herein kommt, die Treppen hoch, ins Dachgeschoss, wie du es manchmal hasst, so weit oben zu wohnen, und du schließt die Tür auf zu dir.

Dein Mitbewohner ist auch da, du freust dich, nach den zwei Tagen, die dir mal viel länger und mal viel kürzer als zwei Tage vorkommen, je nachdem, welche Augenblicke du Revue passieren lässt, wieder angekommen zu sein, zuhause, in deinem Zuhause. Das ist eben doch was anderes, was Besonderes, immer, irgendwie, vor allem, wenn man aus der Fremde zurückkommt mit so vielen neu gewonnen Erinnerungen und Eindrücken im Gepäck, die die Tasche noch schwerer machen, und man ist froh, ein wenig erzählen zu können, und es ist ja auch der erste Advent, du hättest es beinahe vergessen, du packst deine Tasche aus und lädst die digitalen Fotos von der Kamera auf deinen Laptop, du skippst sie kurz durch, du hast gerade keine Kraft, dich näher damit zu beschäftigen, und überhaupt, du bist eigentlich viel gespannter auf die analogen Aufnahmen, die du vorher noch nicht gesehen hast, von denen du noch gar nicht weißt, ob sie überhaupt etwas geworden sind. Du telefonierst mit deiner Mutter und sagst, dass du gut angekommen bist, dass du ihr morgen alles erzählen wirst, wenn du zu Besuch kommst, du magst gerade nicht telefonieren, das mochtest du eigentlich noch nie sonderlich. Es ist spät, als deine Freundin dir schreibt, dass  auch sie  endlich gut angekommen ist und du bist erleichtert, dann kannst du ja nun schlafen gehen, in dein eigenes Bett. Du hüllst dich in die Decke und denkst noch einmal nach über alles, was so passiert ist, aber nicht mehr lange, denn du bist müde, Denken macht auch müde, verrückt, was an so einem Wochenende alles passieren kann, denkst du noch, und wie sehr hat es sich gelohnt, in den Norden zu fahren und wie gerne würdest du es wieder sehen, das kleine Flensburg und den Hafen und warum hat Bochum eigentlich keinen Hafen? Die Antwort liegt natürlich auf der Hand, aber naja, da gibt es ja noch die RUB, den Hafen des Wissens, wo dein Schiff vor Anker liegt, und eigentlich müsstest du auch mal wieder dorthin, zu diesem Hafen, da gibt es Dinge zu erledigen, Lernen und Arbeit, und die andere Welt hat dich wieder, in der für dich alles normal ist und Flensburg nur eine kleine Stadt, versunken im Schnee, hunderte Kilometer von dir entfernt, in der alles seinen Lauf geht, auch ohne dich, die du hier gerade liegst und einschläfst.

9 Gedanken zu “Ein Wunderwerk vollbracht.

  1. sandra aus berlin says:

    ich schreibe schon lange. eigentlich so lange ich mich erinnern kann – etwas mehr als die hälfte meines lebens wohl. immer viel, immer auf der suche nach dem perfekten gefüge. nach genau der wohlkingenden wortkomposition, die sich geschmeidig wie ein notenzeile in die gesamtharmonie einfügt. tagesspiegel, stern, diverse axel-springer-blätter und 2 journalistenschulen haben mich bisher für gut befunden.
    diesen kommentar erlärend jedoch, ist meine obzessive suche nach melodischen, heimelig anmutenden textflüssen. wenn der klang und der rhythmus, in sich ruhend, einen unumstößlichen konsens bilden. wenn dich das gefühl übermannt, kein wort, kein ausrufezeichen, kein bindestrich kann hier geändert werden, ohne dass einheit und zauber verloren gehen.

    wieder einmal möchte ich dir applaudieren. erhebend mit seeligem lächeln.

  2. Martin says:

    Ich ziehe meinen Hut. Wenn man es schafft einen Text, über einen Ausflug nach Flensburg mit über 6000 Worten zu schmücken (ja ich habe das überprüft), kann man das als hohe Kunst darstellen.

    Wie viele (vertraute) Bilder sich vor meinen Augen aufgebaut haben ist unbeschreiblich. Auch wenn es in Zeiten des schneller werdenden Internets nie genug Zeit gibt, solch ellenlange Artikel zu lesen, gar zu schreiben, ist es umso schöner dass man sich dafür quasi zeitnehmen „muss“, um die gesamte Schönheit zu erfassen. Ich habe mir diese Zeit genommen und muss sagen, ja ich fühle mich nun, als wäre ich neben dir gewesen – bei der Autofahrt, beim Stadtbummeln und auf dem Konzert.

    Zum musikalischen Aspekt sein noch gesagt. (Verdammt nochmal) warum habe ich es dieses Jahr nicht geschafft Turbostaat live zu sehen.
    Und ja Vierkanttretlager sind wirklich talentiert, auch wenn der Sänger etwas arrogant auf der Bühne wirkt (zu mindest für meinen Geschmack).

    Danke für diesen ausführlichen Reisebericht, wenn ich jemals so viel Text verfassen könnte, klänge er nach Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack, während deine Worte eine prachtvolle Sahnetorte bilden – was soll man mehr sagen außer: „EINFACH GÖTTLICH MÄDCHEN“

    1. jottpunkt says:

      Ach, nicht so viel Lob, bitte, mir wird ja schon ganz schummrig. Aber meisten Dank. Und hey, nichts gegen Texte wie Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack! Die sind Sahnetorten-Texten in vielen Momenten vorzuziehen ;)

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